Andrea Wahl ist Rehabilitationslehrerin für blinde und sehbehinderte 
Menschen in den Bereichen Orientierung & Mobilität sowie für Lebenspraktische Fähigkeiten.
Sie arbeitet beim Blinden- und Seh
behindertenverband Wien, Niederösterreich und Burgenland.

 

Frau Wahl, wie kommen Sie zu Ihrem Beruf?
Offiziell ist das kein Beruf, sondern eine Zusatzqualifikation. Ich bin ausgebildete Behindertenpädagogin und habe mich auf 
eine Behinderung spezialisiert. Das hat sich durch Zufall ergeben.

Gut, steigen wir doch direkt ins Thema ein. Wie orientieren sich sehbehinderte Kinder im Gegensatz 
zu sehbehinderten Erwachsenen?
Diese Frage kann man eigentlich nur individuell beantworten. 
Alle nutzen eigene Methoden. Und umfassende bauliche Richtlinien, die den Bedürfnissen aller sehbehinderten und blinden Menschen entsprechen, gibt es nicht. Zwar gibt es die Ö-Normen in Österreich, in Deutschland die DIN und für die Europäische Union die EU-Normen, aber dies alles sind nur Empfehlungen, die Architekt_innen und andere nutzen können. Bei Kindern ist zu beachten, dass sie meist in fremder Umgebung unter Aufsicht sind und die räumliche Orientierung von anderen übernommen wird. Kinder gehen ganz spontan mit Situationen um. Meist so, dass die Erwachsenen das für Kinder Offensichtliche 
überhaupt nicht nachvollziehen können. Deshalb kann man auch überhaupt nicht sagen, an was genau sich sehbehinderte Kinder räumlich orientieren. Erwachsene Menschen mit einer Sehbehinderung orientieren sich meist an visuellen Dingen, die sie noch erfassen können. Beson
ders an ganz markant Sichtbarem. Schilder zur Orientierung 
reichen da nicht, das ist meist viel zu wenig. Da geht es um großflächige architektonische Strukturen — beispielsweise einer Säulenwand. Kinder kombinieren, mehr als Erwachsene, alle Wahrnehmungskanäle. Sehbehinderte Erwachsene sind stark auf das Sehen fixiert, Kinder sind oft flexibler. Sie nutzen Hände, Kopf, Augen, Nase, Ohren — alles ohne nachzudenken. Auch geburtsblinde 
Kinder arbeiten von Anfang an mit all ihren Sinnen und entwickeln 
manchmal erstaunliche Fertigkeiten. Erwachsene, die erblinden, vernachlässigen diese Möglichkeit der multisensoriellen Wahrnehmung. Sie beschränken sich meist auf einen Sinn. So nutzen sie zur räumlichen Orientierung beispielsweise entweder taktile oder auditive Leitstrukturen. Menschen, die ihr Sehvermögen im Laufe ihres Lebens verlieren oder dieses dauerhaft eingeschränkt wird, verlassen sich oft auf nur einen Wahrnehmungskanal und müssen erst wieder an die anderen Sinne herangeführt werden. Das ist meine Aufgabe. Nach dem Motto:

Hol den Menschen da ab, wo er/sie steht.

Andrea Wahl

Wo fangen Sie da an? Wie führen Sie diese Menschen wieder näher an ihre anderen Sinne heran?
Da gibt es kein Programm. Das ist ganz individuell und auf jeden Menschen abgestimmt. Ich beobachte. Beispielsweise, wie bewegt sich die Person in bekannter Umgebung, wie in unbekannter? Wie wird mit Begleitung umgegangen? Wie funktioniert die Orientierung alleine? Dann erkenne ich beispielsweise, ob die Person immer nur die Hände einsetzt, nur direkt an Wänden oder festen Begrenzungen entlang geht oder das Gehör mit einbezieht. 
Die meisten blinden, aber auch viele sehbehinderte Menschen gehen anfangs nicht gerne alleine im Freien. Ich beginne in bekannten Räumen, also meist Zuhause bei den Menschen und beobachte, wie sie sich dort orientieren. Von den Fertigkeiten aus, die schon da sind, erarbeiten wir gemeinsam weitere. Worauf kann ich als Designerin achten, wenn ich 
bewusst für seheingeschränkte Menschen im öffentlichen Raum etwas gestalte? Es gibt zahlreiche architektonische Details, die sinnlos erscheinen und bei denen Architekt_innen nur bedingt auf die Funktion achten. 
Das Design steht oft an oberster Stelle. Design ist ja auch ok. Aber man sollte auch an die Nutzbarkeit denken. Kunst und Funk
tionalität, wo ist da die Grenze? Blinde und sehbehinderte 
Menschen erwarten von der Architektur vor allem sichere Nutzbarkeit und Orientierung. Menschen sind stark visuell geprägt. Etwa 80—90 % unserer Wahrnehmung ist mit dem visuellen 
Kortex verknüpft. Auch in den Ö-Normen gibt es Versuche, Angaben zu geeigneten visuellen Darstellungen zu machen. Beispielsweise Angaben zum Schriftbild auf Informationstafeln. Man denkt immer ‚Groß‘, 
aber das stimmt gar nicht. Da bestehen unterschiedliche Bedürfnisse. Es gibt beispielsweise Menschen, die Ausfälle in ihrem 
Gesichtsfeld haben. So wünschen sich Menschen mit starken seitlichen Gesichtsfeldausfällen möglichst kleine Textdarstellungen. 
Diese Menschen sind teilweise visuell so einschränkt, dass sie nur noch wie durch einen Stecknadelkopf sehen. Sie mögen keine großen, für sie unübersichtliche Textflächen. Sie brauchen auch keine großen Buchstaben. Sie hätten lieber alles ganz klein 
geschrieben und am liebsten auf einem kleinen Zettel. Aber Menschen, die eine Visuseinschränkung haben (auch zentral nur 
unscharf sehen können), wünschen sich große und kontrastreiche 
Schriftbilder. Das gilt aber auch wieder für Menschen, deren Gesichtsfeld im zentralen Bereich ausgefallen ist. Dies trifft unter anderem auch auf Menschen zu, die bereits längere Zeit an 
Augenkrankheiten wie ‚Glaukom‘ oder eine ‚Makuladegeneration‘ leiden. Der Anteil an Personen mit zentralen Gesichtsausfällen ist in der Gruppe der sehbehinderten Menschen sehr hoch. Die Ö- und auch DIN-Normen sind Richtlinien und 
meine Aufgabe als Designerin ist es, einen guten Mittelweg 
für alle zu finden.

Können Sie mir sagen, welches die 
häufigsten Augenkrankheiten und die damit verbundenen Sehbeeinträchtigungen sind?
Es gibt zwar häufigere und seltenere Augenerkrankungen, aber dazu gibt es kaum Statistiken und wissenschaftliche Zahlen. Also kann ich nicht sagen, welches die häufigsten Augenerkrankungen sind. 
Und die Augenerkrankung ‚Diabetische Retinopathie‘ ist beispielsweise eine so komplexe Erkrankung, dass man die damit ver
bundenen Sehbeeinträchtigungen nicht umfassend aufzählen kann. Deshalb ist es auch nicht möglich im Detail zu beschreiben, 
was diese Menschen noch sehen können und was nicht. Das ist das Spannende und Traurige zugleich. Visuelle Darstellungen kann man für Menschen mit einer Sehbehinderung nicht für alle passend anbieten, das geht einfach nicht. Der eine sieht so, die andere so. Da gibt es kaum allgemeingültige 
Angaben, wie soll das auch gehen? Eine Sehbehinderung ist 
etwas so Gravierendes und Komplexes, dass man mit fast nichts dauerhaft visuell Wahrnehmbarem dasteht. Und was noch hinzu kommt ist, dass es sich meist um fortschreitende Erkrankungen handelt, die die visuelle Wahrnehmung immer mehr einschränken oder immer komplizierter machen. Bei blinden Menschen ist es einfacher, Angaben zur räumlichen Orientierung zu machen. Visuelles nützt ihnen nichts, da werden dann andere Möglichkeiten genutzt. Allerdings ist der Anteil 
an blinden Personen in der Gruppe der sehbehinderten Menschen der geringste. Die größte Gruppe, die eine Sehbehinderung haben, sind die älteren Menschen. Oft wissen diese das von sich selbst gar nicht. Oder sie wollen sich nicht eingestehen, dass sie schlecht sehen 
oder wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Diese Menschen wenden oft die größten Vermeidungstaktiken an. Sie gehen beispielsweise einfach nicht mehr raus.

Welche Anforderungen werden an ein barrierefreies 
Leitsystem gestellt?
Es kommt immer darauf an, wo man sich orientieren will. In fremder Umgebung oder in einem Bereich, der zum Lebensinhalt gehört; wie zum Beispiel die Schule. Sehbehinderte Kinder brauchen z. B. in ihrer Schule kaum aufwändige 
Leitstrukturen. Es sind mehr die Eltern, also wieder die Sehenden, 
die sich Leitstrukturen wünschen. Das Louis Braille Haus gibt es seit 20 Jahren und der Architekt hat 
damals bewusst auf aufwändige visuelle Leitstrukturen verzichtet. 
Es gibt dort aber dennoch Leitstrukturen. Auch ein Leitsystem, an das niemand von uns sehenden Menschen denkt. Das Wichtigste 
und Beste das es überhaupt an Leitstruktur gibt, ist die persön
liche Hilfe. Diese ist aufwändig, teuer und in unseren Köpfen nicht 
als Leitstruktur definiert. Und werden doch visuelle Leitstruk
turen in Räumen verwendet, dann ist z. B. bei der Verwendung von 
Informationsschildern wichtig, dass die Schilder ständig aktu
alisiert, ausgetauscht und gewartet werden können.

Bis zum 31. 12. 2015 sollen alle öffentlichen Gebäude 
barrierefrei gestaltet werden, glauben Sie daran?
In Österreich gibt es immer die österreichische Lösung. Machen sie sich um Österreich keine Sorgen. Da gibt es keine Bestimmungen, 
sondern nur Einzellösungen. Barrierereduzierung ist nicht staatlich geregelt, sondern wird und wurde in die ‚private Schiene‘ 
gesteckt. Und das bedeutet in diesem Fall, wer gerade Zeit und Lust hat oder sich profilieren will.

Wenn es in Österreich keine Bestimmungen für 
Barrierefreiheit gibt, wer kümmert sich dann darum?
In der Ostregion haben sich vier Vereine zusammen getan, die ein Gremium bilden und zumindest versuchen, sich um Barrierefreiheit für sehbehinderte und blinde Menschen zu kümmern. Diese Vereine bemühen sich auch selbstständig um ein Mitspracherecht im Bauwesen. Es kommt jedoch immer auf die Bau
leitung an, darauf, wie viel Geld zur Verfügung steht, welches Prestige ein konkretes Bauvorhaben hat und wieweit dabei überhaupt etwas zum Thema Barrierefreiheit umgesetzt werden 
soll. Barrierefreiheit wird oft zu rasch und nur mit einem kleinen 
Aspekt abgetan; Hauptsache ist, dass die Tür breit genug ist 
und dann wird von Barrierefreiheit gesprochen. Es ist ein reines 
Modewort; diesen Begriff mag ich nicht.

Wie sagen Sie zu Barrierefreiheit?
Barrierereduziertes Bauen, barrierereduzierte Raumgestaltung.

Weil Barrierefreiheit nicht existieren kann?
Ja, es ist völlig unmöglich! Wirklich, völlig unmöglich. Das wird 
es nie geben, weil die Bedürfnisse bei Behinderungen dermaßen 
verschieden sind. Ein kleinwüchsiger Mensch kommt an die 
Taste nicht hin, ein großwüchsiger bekommt Kreuzschmerzen bei Betätigung der Taste — ein Beispiel.

Können Sie mir vielleicht ein paar Anregungen zum Thema Farben in Leitsystemen geben?
Bei einer Sehbehinderung muss es nicht, kann aber auch zu einer abgeschwächten Farbwahrnehmung kommen. Meist ist es dann so, 
dass nicht einer der drei Farbrezeptoren ausfällt, sondern alle drei 
geschädigt sind, so dass die Farbwahrnehmung in allen Farbtönen reduziert ist. Die Intensität, also die Sättigung der angebotenen Farben sollte deshalb hoch sein, vor allem auch der Kontrast.

Gibt es Ihrer Ansicht nach einen Kontrast, 
der eine Schrift besonders gut für Menschen mit 
Sehbeeinträchtigung lesbar macht?
Hauptsache hoher Kontrast! Eine Studie zur Fluchtwegbeschilderung
 hat ergeben, dass der Kontrast zwischen Grün und Weiß am höchsten scheint und natürlich auch bei Schwarz und Weiß. Und dann kommt es natürlich nicht nur auf den Kontrast an, sondern auch auf die Schriftart und die Hintergrundfläche. Auch was beschriftet wird und wie groß die Textfläche im Vergleich zu der des Hintergrundes ist. Beim Kontrast stellt sich auch die Frage, ob 
die positive oder die negative Darstellung gewählt wird. Sehbehinderte Menschen sind teilweise sehr lichtempfindlich. Diese 
mögen es oft nicht, wenn in großflächig hellen Flächen dunkle Schriftzeichen stehen. Sie mögen es lieber umgekehrt; also helle
 Schriftzeichen auf großflächig dunklem Hintergrund. Dadurch wird die störende Blendung etwas reduziert. Das heißt aber nicht, dass das für alle Menschen zutrifft. Bei Bodenleitlinien und der untersten beziehungsweise obersten Trep
penkante wird in der Ö-Norm ein einzuhaltender 30-prozentiger 
Kontrast zum Untergrund angegeben. Das wird aber oft nicht umgesetzt, weil es den Bauleitern einfach viel zu teuer ist oder sie argumentieren damit, dass z. B. Bodenleitlinien sowieso mit der Zeit verdrecken und dann der Kontrast zu einem hellen Untergrund gegeben ist. Sehbehinderte Menschen nutzen diese nicht immer gut visuell, jedoch taktil wahrnehmbaren Bodenleitlinien viel seltener zur Orientierung als blinde Personen. Sehbehinderte 
Menschen wehren sich teilweise, multisensoriell zu denken und zu handeln. Wenn das Sehvermögen nicht ausreicht, könnten sie andere Sinne mit einbeziehen und vielleicht ein paar Hilfsmittel 
und besondere Strategien nutzen. Wie den weißen Stock beispielsweise, mit dem die Bodenleitlinien voraus ertastet werden können. Ein Stock würde ihnen so oft helfen. Doch diese Personen denken, dass sie dann als blind gelten. Natürlich! Weil wir in Schubladen denken und die Leute aus allen Wolken fallen, wenn ein sehbehinderter Mensch mit einem Stock unterwegs ist, 
diesen zusammenklappt und eine Zeitung liest. Zur Normalität wird der Stock erst, wenn Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung diesen als nützliche Hilfe erst einmal akzeptiert haben; dann stehen sie auch über dem, was andere Menschen sagen und denken.

Was sagen Sie zu dem Zwei-Drei-Sinne-Prinzip?
Damit arbeiten wir sehr häufig in Österreich. Ein Beispiel: zur Orientierung werden teilweise Handläufe für sehbehinderte und 
blinde Personen mit Richtungshinweisen beschildert. Ein Beispiel: 
der Westbahnhof. Diese Adaptierungen am Handlauf sind ein absolutes Prestige-Objekt, 
was niemand unbedingt braucht. Aber diese Handläufe bedienen 
das Zwei-Sinne-Prinzip; die Buchstaben und Richtungspfeile sind visuell gut lesbar, aber durch die erhabene Darstellung der Schrift auch gut tastbar dargestellt.

Welche Buchstaben sind besser ertastbar für 
sehbehinderte Menschen? Groß-oder Kleinbuchstaben?
Großbuchstaben sind besser zu ertasten. Dabei ist es wichtig, dass die Schriftzeichen breit voneinander getrennt stehen. Noch 
lesbarer wird eine Schrift aber, wenn sie aus Groß- und Kleinbuchstaben besteht. Hier kann das Wortbild insgesamt besser und schneller erkannt werden. Stimmt es, dass die wenigsten Menschen mit einer 
erworbenen Seheinschränkung Brailleschrift lesen können? Natürlich. Wo sollen sie es denn lernen, wenn sie später erblinden? Wofür brauchen sie es denn? Für nichts! Man braucht die Brailleschrift nicht!

Wieso sagen Sie, dass erblindete Menschen 
keine Brailleschrift benötigen?
Wer die Brailleschrift nutzt, sieht natürlich die Vorteile, aber es ist nicht lebensnotwenig. Um Himmels willen, man braucht sie nicht. In Skandinavien geht man z. B. komplett von der Braille-
Zeile weg. Die Skandinavier_innen lesen alles mittels Sprachausgabe. In Deutschland und Österreich sind Menschen es eher gewohnt, taktil zu lesen und zu hören. Wer es nicht gewohnt ist, wächst mit der Sprachausgabe auf und weiß nicht, was Brailleschrift ist. Sie müssen bedenken, dass es in unserem Bereich im Umgang mit 
der Sehbehinderung/Blindheit zu einer Verschiebung der Schwer
punkte kommt. Der Lebensalltag besteht nicht aus dem, was 
wir Sehenden erleben. Es ist eine Reduktion, auch wenn das niemand richtig zugeben will. Was ich oft zu meinen Klient_innen sage, ist: „Wir leben in einer sehenden Welt, komm zurecht oder bleib 
daheim.“ Man kann die Welt nicht ändern.

Aber angenommen, Sie könnten die Welt ändern, 
was würden Sie verändern?
Das Verständnis würde ich gern vorantreiben. Dass nicht nur 
an die sehende Welt gedacht wird. Natürlich, das Verständnis wünschen 
sich alle. Ich wünsche mir Menschlichkeit, dass die Menschen hilfsbereiter sind, aber auch, dass sehbehinderte und blinde Men
schen Hilfe annehmen oder auch um Hilfe bitten können, wenn sie welche brauchen. Denn selbst das können die Wenigsten.
Das Interview wurde im Rahmen der Bachelorarbeit Barrierefreiheit in Leitsystemen für sehbeeinträchtigte und blinde Menschen von Anne Hofmann, B. A. (FH) geführt.