Das buero bauer hat über 3 Jahre intensiv ein integrales Orientierungssystem erarbeitet und so ein Best Practice Beispiel für Inclusive Orientation Design geschaffen. Auch nach Abschluss des Großprojekts ist die Auseinandersetzung noch nicht abgeschlossen: Führungen durch den Campus geben Interessierten Einblick in die Herausforderungen nutzungsorientierter Planung und Gestaltung nach dem 2-Sinne-Prinzip.

Die erste Führung durch Campus WU mit Fokus auf das Leit- und Orientierungssystem fand anlässlich der Architekturtage in Wien, am 16. Mai 2014, statt. Die Architekturtage ermöglichen österreichweit Einblick in spannende Bauprojekte und architekturrelevanten Themen. In Wien widmet sich der ‚Fokus Großprojekt: Campus WU‘ dem großflächigen Bildungsneubau im Prater.

Architektur am Campus

Über Inclusive Orientation Design
Inclusive Design bietet Gestaltungslösungen an, die die Minderheiten ebenso wie die Mehrheiten gleichzeitig und gleichwertig adressieren. Blinde werden ebenso wie Seh-, Hör-, Mobilitäts- oder sprachlich Eingeschränkte Menschen adäquat angesprochen. Gerade auf einem Universitätscampus, wo der uneingeschränkte Zugang zu Wissen im Mittelpunkt steht, wurde dieser Designgrundsatz konsequent angewendet. Ziel des Neubaus war unter anderem, die Zahl der eingeschränkten Studierenden mit speziellen Bedürfnissen weiter zu erhöhen.

Dieser Anspruch wurde mit einer intelligenten Kombination aus analog, digital, taktil und akustisch erfahrbaren Medien für alle Sinne eingelöst.

Signifikante Architektur und Farben
Der neue Campus WU im Wiener Prater bietet mit rund 100.000qm Nutzfläche und den Gebäuden von sechs international renommierten Architekturbüros viel Raum für Lehre und Studium. Die übergreifende Klammer ist ein barrierefreies Orientierungssystem, das mit mit eindeutigem Farb- und Nomenklatursystem durch Freiraum und Parkgarage bis in die einzelnen Hörsäle, Seminar- und Projekträume, Departments und Bibliotheken leitet.

Lageplan vom Campus

Eine Norm, die Alternativen braucht
Wer ein Orientierungssystem ganzheitlich und in größerem Zusammenhang denkt, stößt gleich zu Anfang auf die Vorgaben der Normen. Das Piktogramm für Rollstuhlfahrer_innen in der aktuellen ÖNORM wird dem Inclusive Design-Gedanken nicht gerecht, es zeigt die Person ganz entgegen einer respektvollen Gleichbehandlung inaktiv und stigmatisiert. Die Person wird anonym, statisch und hilflos dargestellt, ganz das Gegenteil eines respektvollen Umgangs auf Augenhöhe. Daher wurde für den Campus WU das Zeichen im Gedanken des Inclusive Design überarbeitet, d. h. inhaltlich und formal verbessert. Das Ergebnis ist ein aktiver Rollstuhlfahrer, der entspannt, selbstbewusst und selbstständig agiert.

Erwin Bauer erklärt das Piktogramm

Zwei-Sinne-Prinzip
Alle medialen Anwendungen am Campus WU folgen dem Zwei-Sinne-Prinzip: zumindest zwei Sinne werden alternativ zum fehlenden Sinn, der die Informationsaufnahme einschränkt, angesprochen. Für blinde und seheingeschränkte Menschen wurde dabei ein lückenloses System mit taktiler Braille- und Pyramidenschrift sowie Leitlinien geschaffen.

Test der Audioausgabe

Alle Informationen auf den Digital Door Displays können nicht nur visuell, sondern auch akustisch abgerufen werden. Es reicht eine einfache Touchgeste, um sich den aktuellen Screen vorlesen zu lassen. Auch die Infoterminals entsprechen der Barrierefreiheit: sie sind mit einem Rollstuhl unterfahrbar, ausgestattet mit einem Audiomodus und darüber hinaus erhöht ein Kontrastmodus die Lesbarkeit durch die Reduzierung der Farben auf Schwarz und Gelb.

Leitlinien mit Blindem Besucher
Gruppendiskussion am Campus

Einladung zur Diskussion
Auch nach Abschluss des Großprojektes besteht großes Interesse an der Entwicklung des komplexen Leit- und Orientierungssystems. Das zeigt auch das spannende Medienecho, wie z. B. in der Wiener Stadtzeitung Falter, in Architektur & Bauforum, auf dem Barrierefreiheitsblog der DER ZEIT oder im selbstinitiierten Test der Online Plattform BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben.

Für das buero bauer ist es wichtig, mit Interessierten in Diskussion zu treten und persönlich Fragen zum Thema zu besprechen. Für Hintergrunddetails über die Entwicklung oder eine individuelle Führung über den Campus steht das Team gerne zur Verfügung.