Seit den Sommerspielen 1992 in Barcelona werden sowohl die Olympischen als auch die Paralympischen Spiele in den selben Sportstätten ausgetragen. Das „zwingt“ die Ausrichtenden, die Sportstätten bereits barrierefrei zu errichten oder kurzfristig zu adaptieren, denn ein Umbau ist in der kurzen 3-wöchigen Pause zwischen Olympischen und Paralympischen Spielen nicht möglich. Für Russland stellt sich die Frage ob Sotschi ein Leuchtturm-Projekt mit Leuchtkraft für eine ganze Nation wird, oder ob der Leuchtturm am Schwarzen Meer bald für immer erlischt?

Im Rahmen des Observers Programme des Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) hatte der Autor die Möglichkeit die Winterspiele in Sotschi zu besuchen und so hinter die Kulissen des Großevents zu blicken. In zahlreichen Workshops und Besichtigungen konnte so ein guter Eindruck von der Arbeit des Organisationskommittees gewonnen werden. Betrachtet wurde die Veranstaltung in Hinblick auf die Infrastruktur. Vorweg: Von Seiten der Offiziellen, der Athlet_innen und der Zuseher_innen war Sotschi, vor allem hinsichtlich der Barrierefreiheit ein voller Erfolg! Doch warum war die Zufriedenheit so groß?

Piktogramm Rollstuhlfahrer

Barrierefreier „Ausnahmezustand“: Paralympische Spiele
Die Paralympischen Spiele stellen an die Organisation und die Infrastruktur hohe Anforderungen. Im Vergleich zu anderen Großveranstaltungen ist hier von einem erhöhten Aufkommen von Menschen mit Behinderung auszugehen. Dies sind Athlet_innen, Zuseher_innen, Offizielle, etc. was in allen Bereichen — Transport, Verpflegung, Unterbringung, Veranstaltungsstätten, uvm. — zu berücksichtigen ist. Gängige Rechenschlüssel, wie zum Beispiel für barrierefreie Zuschauerplätze, die in der ÖNORM B 1600 vorgegeben werden, müssen daher adaptiert werden, um entsprechend viele Plätze anbieten zu können. Die Zuständigen des IPC haben in diesem Bereich große Erfahrungswerte und somit ein hohes Maß an Wissen angesammelt, welches gerne im Vorfeld an die künftigen Ausrichtenden weitergegeben wird. Das sichert die Qualität und den reibungslosen Ablauf der Paralympischen Spiele. War in den Anfangsjahren die Betrachtung nur auf die Veranstaltungsstätten limitiert, so wurde früh erkannt, dass die Planung einer inklusiven Umwelt vor allem in den Austragungsstätten von großer Bedeutung ist. So wird der Standard für die Bevölkerung vor Ort gehoben und ein breites Publikum kann an der Veranstaltung teilnehmen. Plakativ formuliert, wird mit der Betrachtungen beim Aussteigen auf die Fluggastbrücke begonnen und endet beim Sitzplatz in der Arena.

Barrierefreiheit und Qualitätsmanagement
Wichtig ist es, diese Betrachtungsweise auch in kleinerem Maßstab bei jeder anderen Veranstaltung oder jedem Bauprojekt anzuwenden. Beeindruckt hat vor Ort das Qualitätsmanagement bereits in der Planungs- und Bauphase der neu zu errichtenden Infrastrukturmaßnahmen. Viel Erfahrung und Know-How konnte von den Paralymics in London übernommen werden. Es wurden Strukturen entwickelt die im Speziellem das Qualitätsmanagement hinsichtlich Barrierefreiheit im Auge hatten. Für jedes Projekt war eine Person für die Einhaltung der Standards verantwortlich. Diese wurden sowohl in der Planungsphase als auch in der Bauphase regelmäßig überprüft. Denn die Erfahrung zeigt, dass es nicht ausreicht Planer_innen an die geltenden technischen Standards zu binden.

Planung und Kosten
Das Wissen um die richtige Planung und Ausführung ist nicht immer gegeben oder die geltenden Standards kommen schlichtweg nicht zur Anwendung. Die Überprüfung bereits im Planungsstadium sichert einen hohen Qualitätsstandard. Zudem ist dann der Kostenanteil für barrierefreie Planung im Vergleich zu den anfallenden Gesamtkosten vernachlässigbar gering!

Barrierefreier „Umgangston“ und Schulung
Neben der „Hardware“ muss auch die „Software“ optimiert werden. Bei Veranstaltungen ist man oft auf organisatorische Maßnahmen angewiesen, um bestimmten Personengruppen Hilfestellung zu ermöglichen. Gerade die unterstützende „Software“, wie Volunteers, Kassapersonal, uvm. ist enorm wichtig für den richtigen Umgang mit Personen mit Behinderung und dem Gelingen der Veranstaltung. Auf die Schulung und Sensibilisierung des Personals wurde daher großer Wert gelegt. Die Transportpersonal wurde vor den Olympischen Spielen, und als Auffrischung auch vor den Paralympischen Spielen, im Umgang mit Personen mit Behinderung geschult. Alle Fahrenden wurde in der Bedienung der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel unterwiesen und konnte allfällige kleine Reparaturen selbst durchführen.

Barrierefreie Anreise
Für einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung ist ein gut organisierter Transport aller Beteiligten essentiell. Dies gilt für die Anreise ins Austragungsland, den Transport in die Austragungsstadt, den Transport zu den Sportstätten sowie dem allgemeinen Transport in der Austragungsstadt. Für Sotschi wurden die möglichen Einreiserouten zum Event untersucht und mit den Flughäfen in Moskau und Adler die zwei Haupteinreiserouten definiert. Die Flughäfen wurden demnach in Zusammenarbeit mit internationalen Experten auf ihre Barrierefreiheit geprüft und in einem mehrstufigen Verfahren Mängel und Verbesserungsvorschläge sowie deren Umsetzungszeitraum festgelegt.

Golfcart als Transportmittel für Rollstuhlfahrer

PKW- und Bus-Transport
Der weitere Transport wurde zum Hauptteil mittels Bussen bewerkstelligt. Im Zuge der Paralympics standen hierfür 963 Busse auf 72 Routen, 166 Minibusse und eine PKW-Flotte zur Verfügung. Die Busse wurden aus der Region Moskau, aus Tatarstan und St. Petersburg zusammengezogen. Unterscheidbar waren diese neben den unterschiedlichen Bustypen auch durch das unterschiedlich farbige Branding. Beachtlich aus Sicht der Barrierefreiheit ist die enorme Zahl an Bussen und Minibussen mit Rollstuhlplätzen: 327 Busse mit je 1 Rollstuhlplatz, 70 Busse mit je 3 Rollstuhlplätzen, 30 Busse mit je 5 Rollstuhlplätzen zum Mannschaftstransport, 72 Minibusse mit je 3 Rollstuhlplätzen und 22 Minibusse mit je 1 Rollstuhlplatz. In der kurzen 3-wöchigen Pause zwischen Olympischen Spielen und Paralympics wurde eine große Anzahl von Bussen von 3 Rollstuhlplätzen auf 5 Rollstuhlplätze umgebaut. Das notwendige Material sowie Personal war vor Ort, um den Umbau rasch durchzuführen. Die Erfahrung der Verantwortlichen ist, dass bei den Einstiegshilfen vorzugsweise wartungsextensive mechanische Systeme zur Anwendung kommen sollten, da bei einem Ausfall eine schnelle Reparatur essentiell ist, um Engpässen beim Transport vorzubeugen.

Transport im Olympischen Park
Im Olympischen Park, im Coastal Cluster, kamen auf Grund des weitläufigen Geländes adaptierte Golfcarts zum Einsatz. Die Zuschauer_innen wurden von verschiedenen Haltstellen am Gelände zu den einzelnen Sportstätten chauffierten. Das Angebot stand nicht nur Personen mit Rollstuhl zur Verfügung, sondern auch anderen Personengruppen wie z. B. Senior_innen, sodass eine Vielzahl von diesem Service profitierte. Eine Besonderheit stellte der Transport im Mountain Cluster (Ski und Nordische Bewerbe) dar. Erschlossen mittels zweier barrierefreier Seilbahnen mit einer Beförderungskapazität von 2.000 Personen pro Stunde. Die Kabinen waren auch für Rollstuhlfahrer_innen ausgelegt. Von der Bergstation wurden die Menschen mit Behinderung dann mittels Shuttleservice zu Drop-Off-Points im Nahbereich der Sportstätten gebracht.

Orientierung im Olympischen Park
Bei der Orientierung im Olympischen Park wurden blinde Menschen von Volunteers unterstützt. Das weitläufige Gelände und die langen Distanzen von den Eingängen des Geländes zu den Sportstätten, die Sicherheitskontrollen und andere Hindernisse waren in dieser Art schnell und ohne sich zu verirren zu bewerkstelligen. Für sehbehinderte wurde ein optisch und taktiles Bodenleitsystem installiert. Dieses führte von den Eingängen, zur Plaza mit dem Olympischen Feuer und dann weiter zu den Sportstätten. Die drei in gelber Farbe aufgebrachten Kaltplastiklinien waren gut zu ertasten und mit dem entsprechenden Kontrast zum Unterboden auch visuell gut erkennbar. Überdimensionale Pylone bildeten sowohl für das Bodenleitsystem als auch für die visuelle Orientierung die Abzweigpunkte zu den Sportstätten. Information wurde auf diesen temporär errichteten Informationsträger rein visuell dargeboten. Auf taktile Information wurde verzichtet. Internationale und nationale Experten empfahlen den Transportservice für blinde Zuschauer_innen. Wichtige Gestaltungselemente wie Schriftgröße, Schriftart oder Positionierung der Information am Informationsträger wurden großteils gut gelöst. Lediglich das Farbleitsystem offenbarte ein Problem, das oftmals auftritt: Bei vielen unterschiedlichen Zielen ist die Anzahl der klar unterscheidbaren Farben begrenzt. Zudem kommt, dass die Farben in einem eindeutigen Kontrast zum Hintergrund stehen müssen, um die Lesbarkeit zu gewährleisten. So wurde im Fall einer Sportstätte für das Leitsystem die unzulässige Farbkombination von Weiß und Gelb gewählt.

Detailaufnahme Pylon
Pylon mit Leitlinie

Orientierung mittels elektronischer Hilfsmittel
In Sotschi installierte man die „sprechende Stadt“. In Kooperation mit der All Russia Association of the Blind, wurde ein elektronisches System entwickelt, dass Blinde und Sehbehinderte bei der Orientierung unterstützt. Dabei werden an Gebäudeeingängen, Busstationen, Bussen, etc. Radiotransmitter angebracht, die orts- und objektspezifische Informationen aussenden. Befindet sich die sehbehinderte oder blinde Person im Sendebereich des Transmitters, erhält sie auf ihren Empfänger ein Hinweissignal auf dieses Objekt. Durch bestätigen des Signals kann die Information abgerufen werden. So z. B. „Bus 5 in Richtung Olympischer Park fährt ein“ oder „Sie befinden sich am Eingang zum Olympischen Park“. Dieses orts- und objektspezifische Orientierungssystem kam in Sotschi an Ampeln, Busstationen und in Bussen zum Einsatz und wird ebenfalls in den öffentlichen Verkehrsmitteln in St. Petersburg eingesetzt. Systeme ähnlicher Art, die auf unterschiedlichsten Sende- und Empfangstechnologien basieren, werden in den letzten Jahren vermehrt untersucht und auf ihre Praxistauglichkeit getestet. Spannend ist welche Technologien sich auf längere Sicht behaupten werden.

Über den Schnee wandeln
Die barrierefreie Erschließung der Sportstätten im Freien stellte eine große Herausforderung dar. Die Wege von den Drop-Off-Points im Mountaincluster zu den barrierefreien Plätzen, den Bereichen für Athlet_innen und Presse wurden als Stegsystem oberhalb der Schneedecke errichtet. Das „venezianische Hochwasserwegenetz“ konnte von allen Personengruppen mit Behinderung unabhängig ihrer Akkreditierung und Funktion genutzt werden. Unüblich bei Großevents wie diesem, mit verschiedensten Sicherheitszonen und Akkreditierungen, jedoch sinnvoll, da so eine Optimierung des Wegenetzes erfolgte. Das Stegsystem wurde direkt am Boden und nicht auf der Schneedecke aufgestellt, um Setzungen zu vermeiden. Mit einem speziell ausgewählten rutschhemmenden Gummibelag belegt, konnte das Stegsystem leicht von Schnee und Eis gereinigt werden und war so permanent nutzbar. Auch für Sehbehinderte und Blinde, da die Stege an den Seiten hochgezogen wurden, um so eine Orientierung mit dem Blindenstock zu ermöglichen. Der Hochzug sowie der Gummibelag waren kontrastierend ausgeführt. Neben den Tribünenplätzen wurde auf diese Weise sämtliche Serviceinfrastruktur, wie z. B. Sanitäreinheiten, erschlossen. Selbst Observer aus Norwegen, der „Langlaufgroßmacht“, waren begeistert vom hohen Standard der barrierefreien Erschließung für alle Personengruppen.

Fazit
Aus Sicht der Barrierefreiheit war Sotschi 2014 eine gelungene Veranstaltung. Ob die hervorragenden Planungsmaßnahmen auch andere russische Regionen erreichen werden, bleibt offen. Fest steht jedoch, dass eine intensive Betrachtung des Themas und ein entsprechendes Qualitätsmanagement bei jeder Planung erforderlich ist. Eine Zusammenfassung der Maßnahmen für die Barrierefreiheit für Sotschi 2014 kann im unter diesem Link heruntergeladen werden.

Der VCÖ hat in einer aktuellen Publikation Notwendigkeiten und Empfehlungen für eine selbstbestimmte Mobilität von älteren Personen zusammengestellt. Dass in einer immer älter werdenden Gesellschaft Barrierefreiheit und ein verständliches Angebot an Orientierungshilfen eine immer wichtigere Rolle spielen, lässt sich im Factsheet nachlesen!

➙ Link zum Artikel

Zur Entscheidungsfindung wird in vielen Fällen nach harten Fakten verlangt. Einkommen, Alter, Kriminalitätsrate und dergleichen lassen sich einfach erfassen und in Landkarten abbilden. Dennoch sind es oftmals „weiche“ Faktoren wie z. B. Emotionen, die entscheidend sind für den Erfolg eines Projekts. Nur wie können diese gemessen werden? Das Massachusettes Insitute of Technology erforscht dies und will die Ergebnisse in die Stadtplanung der Zukunft einfließen lassen.

➙ Der Artikel zum nachlesen im Online-Standard und der Link zum Web-Tool des MIT

Touchscreens in den New Yorker U-Bahn-Stationen sollen die Fahrgäste bei der Planung ihrer Fahrtroute unterstützen. Auf einem interaktiven U-Bahn-Plan kann der aktuelle Standort und das Ziel gewählt werden, um so die schnellste Route zu erhalten. Zusätzlich können so Informationen über Points of Interest in der Umgebung abgefragt werden. Fraglich ist nur wie eine sehbehinderte oder blinde Person den Screen bedient oder Rollstuhlfahrende alle Bedienelemente erreichen?

➙ Die Touchscreens im englischsprachigen Praxistest

Zukünftige Wegweiser für blinde Menschen werden aktuell in England getestet. Sogenannte beacons (engl. für Blinklicht oder Leuchtturm) sollen demnächst mittels Bluetooth-Technologie sowie der entsprechenden Hard- und Software Orientierung im Raum ermöglichen.

Das RLSB (Royal London Society for Blind People) hat gemeinsam mit dem Studio ustwo die App wayfindr konzipiert, die blinde und sehbehinderte Nutzer_innen mit den Beacons verknüpft und ihnen bei selbstständiger Navigation hilft.

Erste vielversprechende Tests gab es bereits in der Londoner Tube, wie dieses Video zeigt: