Im Juni 2014 hat das buero bauer ihr jährliches Sommerfest gefeiert, und dabei zu delightful food und drinks in the dark geladen. Einer der Arbeitsräume in der weitläufigen Alpenmilchzentrale wurde dabei zu einem „Darkroom“ umgebaut, in dem von Mitarbeiter_innen des Dialog im Dunkeln Wein ausgeschenkt wurde. Die vollständig abgedunkelte Bar war eine Einladung an die Gäste, Gewohntes unter ungewöhnlichen Bedingungen neu zu erfahren und wahrzunehmen. Wie schmeckt Wein ohne Farbe? Was höre ich im Gespräch ohne die Mimik des Gegenübers? Wie spüre ich den Raum ohne sichtbare Grenzen? Und wie nachhaltig hat das die Besucher_innen beeindruckt? Wir haben nachgefragt.

Christoph Loidl
Bildnerischer Erzieher, Leiter der Produktionsschule Salzkammergut, seheingeschränkt durch eine Rethinopathia pigmentosa

Hast du den Darkroom mit einem bestimmten Vorwissen betreten?
Ich habe gewusst, dass es im Darkroom stockdunkel ist und man dort von blinden Menschen geführt wird.

Was hat dich am meisten neugierig gemacht?
Da ich aufgrund meiner Nachtblindheit in der Dunkelheit ohnehin nichts/schlecht sehe, habe ich für mich persönlich keine grossen Erwartungen gehabt. Interessant war für mich eher, wie es wohl sein wird, wenn alle anwesenden Personen nichts sehen können.

Wie wurde deine Wahrnehmung herausgefordert: Was hast du gehört, gefühlt,…? Wie hat z.b. der Wein geschmeckt?
Wie schon oben erwähnt, bin ich es durch meine Sehbehinderung gewohnt, den Fokus auf meine übrigen Sinne zu legen. Somit wurde meine Wahrnehmung nicht mehr oder weniger gefordert als sonst. Aber eins konnte ich ohne zweifel feststellen: Der Wein war gut!

Wie hast du dein eigenes Verhalten und das anderer in der neuen Umgebung wahrgenommen? —> Stimme, Gespräche, Körperhaltung, Bewegungen…
Ich habe mich selbst sehr wohl gefühlt und mich meiner eigenen Wahrnehmung nach sehr souverän im Darkroom bewegt (für mich ist es völlig normal ein Glas an der Bar zu ertasten…), habe aber bei vielen anderen doch gemerkt, dass mit dem Verlust des Sehens, auch eine gewisse Unsicherheit in der Kommunikation mit fremden Personen einherging. Meiner Erfahrung nach ist der erste Eindruck eines fremden Menschen ein ganz anderer, wenn nur eine Stimme erfasst wird.

Wie hast du den Kontrast zwischen dem Dunkel & der hellen Festumgebung danach empfunden?
Die ersten Momente waren sehr unangenehm. Es war witzig im Nachhinein die Gesichter der Gesprächspartner_innen zu sehen (die Vorstellung hat nicht die Realität getroffen…).

Hat dich die Situation weiter beschäftigt, wie denkst du jetzt darüber?
Nicht wirklich! Es war eine Erfahrung, aber ich verbiete mir selbst zu viele Gedanken an ein Leben ohne Licht zu verschwenden

Woran erinnerst du dich am stärksten? Hast du ein Bild / Ton / Geschmack etc. / Eindruck vor Augen?
Das Vogelgezwitscher! Hat sich aufgedrängt, eingeprägt und auch irritiert! Hat die Situation surreal erscheinen lassen und die Wahrnehmung des Raumes stark beeinträchtigt.

Tomáš Dabrowski
Ehem. Sozialbetreuer für Behindertenarbeit, Student Philosophie & Ernährungswissenschaft, Barchef

Hast du den Darkroom mit einem bestimmten Vorwissen betreten?
Dass es diese Art von Gastronomie bereits länger gibt und es nun wohl sehr dunkel wird.

Was hat dich am meisten neugierig gemacht?
Ob das Schwarz auch richtig schwarz sein wird. War es im übrigen nicht oder zumindest in meiner Wahrnehmung nicht: rund um mich sah ich immer wieder irritierende weiße Blitze im Augenwinkel, wie ein weißer Nebel rund um mich. Mir wurde später erklärt, dass mein Gehirn diese “Ausgleichshandlung” quasi vortäuschte, um mir zu signalisieren: alles in Ordnung, dein Sehsinn funktioniert eigentlich noch!

Wie wurde deine Wahrnehmung herausgefordert: Was hast du gehört, gefühlt,…? Wie hat z.b. der Wein geschmeckt?
Der Wein schmeckte intensiver als unter sichtbaren Verhältnissen! Ich saß an einem Tisch mit einigen buero bauer Mitarbeiter_innen und je nach Stimmpräsenz waren diese gefühlt näher bzw. weiter weg als sie tatsächlich waren. Durch die Kombination von Ventilatoren, heißer Luft und Mobiliar dachte ich die ganze Zeit, ich sitze bei einem Heurigen in Südamerika.

Wie hast du dein eigenes Verhalten und das anderer in der neuen Umgebung wahrgenommen? —> Stimme, Gespräche, Körperhaltung, Bewegungen…
Ja, also wie bereits erwähnt die Landkarte in meinem Kopf wurde durch die Präsenz der Akteur_innen an meinem Tisch gezeichnet. Die Gespräche drehten sich zum großen Teil um die Situation, Wahrnehmung etc. Meine Körperhaltung und die ausgehenden Bewegungen waren alle wohl durchdacht und sehr langsam, tastend – wollte ich weder mich selbst, die anderen sowie die Gläser gewissermaßen schützen.

Wie hast du den Kontrast zwischen dem Dunkel & der hellen Festumgebung danach empfunden?
Der Moment des Wiedersehens – ungefähr so stelle ich mir meine Geburt vor: viel zu hell, jedoch mit extrem hässlichen ausgeblichenen Farben, fremde Menschen schauen dich erwartungsvoll an und sind gespannt auf eine erste Reaktion.

Hat dich die Situation weiter beschäftigt, wie denkst du jetzt darüber?
Mich hat v.a. die Farbigkeit in den ersten Momenten danach noch länger erstaunt. Im Nachhinein denke ich mir, dass wir uns während des Konsums von Speis und Trank manchmal bewusster auf diese fokussieren sollten.

Woran erinnerst du dich am stärksten? Hast du ein Bild / Ton / Geschmack etc. / Eindruck vor Augen?
Eben erwähntes geburtsähnliches Erlebnis.

Dialog im Dunkeln Mitarbeiter in der Bar

Robert Kropf
Gründer der a-list, schreibt über Lifestyle-Themen, Kulinarik und Wein

Hast du den Darkroom mit einem bestimmten Vorwissen betreten?
Ein klein wenig Vorwissen hatte ich schon. Ich habe Dinner in the Dark schon mal in Hamburg besucht, und vor einigen Jahren wurde ich zu einer Whiskeyverkostung eingeladen, die von Blinden geführt wurde und auch in einem Dark Room stattfand.

Was hat dich am meisten neugierig gemacht?
Die Verkostung. Und: hat das buero bauer-Team den Raum wirklich ganz ganz ganz dunkel hinbekommen? Wie wird sich der Raum anfühlen, den ich vorher schon mal im Licht gesehen habe.

Wie wurde deine Wahrnehmung herausgefordert: Was hast du gehört, gefühlt,…? Wie hat z.b. der Wein geschmeckt?
Die ersten Minuten war die Herausforderung nicht all zu groß, weil die Aufregung und die Lautstärke im Raum die Sensorik nicht geschärft hat. Danach völliger Raumgrößenverlust (ähnlich wie in einem Salzwassertank). Größtes Herausforderung war mit Sicherheit die völlige Nichteinschätzbarkeit von Abständen. Weinverkosten ist an sich schon eine nicht ganz leichte Sache, auch die größten Kapazunder versagen da regelmäßig bei Blindverkostungen. Im dunkten Raum, bei einer quasi Doppelt-Blindverkostung und ohne Einsatz der Augen war es für mich ganz schwer, Weine zu erkennen.

Wie hast du dein eigenes Verhalten und das anderer in der neuen Umgebung wahrgenommen? —> Stimme, Gespräche, Körperhaltung, Bewegungen…
Bei mir und auch bei allen anderen habe ich den verzweifelten Versuch wahrgenommen, Orientierung durch viel Reden herzustellen (passiert im “normalen” Leben ja auch). Wie Fledermäuse, die hoffen, dass der zurückkommende Schall irgendwas über Entfernungen aussagt. Völlig sinnlos, natürlich. Sprache wurde lauter, Körperhaltungen sind eher eingefroren, Slow Motion. Probelm war nicht so sehr die Dunkelheit, sondern die unmittelbare Umgebung. Find ich mein Glas überhaupt nochmals, wenn ich es hinstelle?

Wie hast du den Kontrast zwischen dem Dunkel & der hellen Festumgebung danach empfunden?
Unspekatulär durch Aufmerksamkeitsumkehr. Draussen wurde so aufgeregt erzählt über drinnen, dass der Kontrast Nebensache war.

Hat dich die Situation weiter beschäftigt, wie denkst du jetzt darüber?
Wenn keine Orientierung da ist, hilft Reden auch nix!

Woran erinnerst du dich am stärksten? Hast du ein Bild / Ton / Geschmack etc. / Eindruck vor Augen?
Suchen mit der Hand nach dem Abstand zu Glas und Mund.

Florian Szeywerth ist angehender Architekt beim Österreichischen Institut für Schul- und Sportstättenbau. Sein Arbeitsfeld konzentriert sich auf die Planung von barrierefreien Sportstätten und Bildungsbauten. Besonders interessieren ihn Lösungen, die funktionell, innovativ und erfahrbar für ein möglichst breites Spektrum an Nutzer_innen sind.

Was motiviert dich zu deiner Arbeit und was ist dabei dein Interessensschwerpunkt?
Motivation ist immer wieder etwas Neues zu entdecken und auszuprobieren. Ich habe das Glück in meinem Arbeitsumfeld verschiedenste Schwerpunkte zu verfolgen, in denen ich meine Entdeckungsreisen unternehmen kann. Von allgemeinen Bereichen wie Architektur und Design sowie Sport und Bildung bis zu spezielleren Themen wie Entfluchtung von Gebäuden und Design for All.

Was findest du an der Thematik des Inclusive Designs spannend?
Dass oftmals mit ganz einfachen Mitteln und intelligenter Planung ein Mehrwert für sehr unterschiedliche Nutzer_innengruppen geschaffen werden kann.

Wo finden Innovationen statt, die dich in deinem Tun inspirieren?
Interessant ist, dass wir Zugang zu so vielen unterschiedlichen Informationsquellen haben die weltumspannend sind – und damit auch zu den Innovationen die anderswo stattfinden. Ich will dabei immer möglichst viele thematisch unterschiedliche Quellen anzapfen. So sind z. B. neue Innovationen aus dem Sportausrüstungsbereich auch für den alltäglichen Gebrauch von Menschen mit Behinderung interessant. Oder so kann beispielsweise vom Umgang mit den beengten Raumressourcen in den Großstädten Japans viel über Raumorganisation und die Gestaltung der Einrichtung gelernt werden.

Flo Szeywerth in einem Kimono in Japan

Du bist ja durch deine japanische Ehefrau stark mit dem Land verbunden — in wie fern wird dort mit dem Thema Inklusion umgegangen?
Japan ist das Industrieland mit der kopflastigsten Alterspyramide. Dem entsprechend präsent sind auch ältere Menschen im Alltag. Beeindruckend ist für mich dabei immer wieder, wie viele ältere Menschen vor allem in kleineren, vermeintlich „unwichtigen“ Jobs wie als Einweiser_in auf einem Parkplatz etc. berufstätig sind. Das diese Stellen nicht wegrationalisiert werden zeigt, dass älteren Menschen, auch kulturell bedingt, ein hoher Respekt entgegengebracht wird.

Ein respektvoller Umgang ist meiner Meinung nach ein wichtiger Schlüssel zum Thema Inklusion.

Florian Szeywerth

Was sind die markanten Unterschiede hinsichtlich Inclusive Design zwischen Japan und Österreich, was können wir noch lernen?
Die hohe Servicequalität im Alltag ist der markanteste Unterschied. Neben allen speziellen baulichen und einrichtungstechnischen Maßnahmen, wie z. B. taktilen Bodenleitsystemen, taktilen Plänen etc., die fast durchgängig in einer hohen Qualität umgesetzt werden, ist die alltägliche wertschätzende Kommunikation der größte Pluspunkt! Um Hilfe fragen macht auch als Tourist_in ohne Kenntnis von den Schriftzeichen, der Sprache und den kulturellen Geboten Spaß. Du wirst dafür nie verachtende Blicke ernten, in ein ang’fressenes G’sicht schauen oder abserviert werden … für alle eine Wohltat im Miteinander.

In welcher Situation oder an welchem Ort fühlst du dich am wohlsten?
Ortsunabhängig beim Blödeln und Spaß haben mit meiner Familie!

Was wünscht du dir von deinen Mitmenschen?
Positive und interessante Kommunikation.

Welchem Symbol würdest du dich instinktiv zuordnen?
Dem Auge, da ich gerne beobachte, um so mehr über meine Umwelt zu erfahren.

Allen Menschen uneingeschränkten Zugang zu Information & Raum zu bieten, fordert das Bundes-Behindertengleichstellungsgesetz in öffentlichen Gebäuden bis Ende 2015. Höchste Zeit, die Möglichkeiten der gestalterischen Umsetzung von Normen ins Rampenlicht und aufs Diskussionspodium zu holen.

Detailbild der SprecherInnen
Publikum diskutiert beim Include Talk

Erwin K. Bauer vom buero bauer, Maria Grundner von der Mobilitätsagentur & Vorsitzende des Normungsausschusses zum Barrierefreien Planen und Bauen AG 011.05 sowie Daniela Walten von BWM Architekten  diskutierten Anfang Dezember in der Alpenmilchzentrale mit Christine Müller, der Chefredakteurin von Architektur & Bau Forum über den smarten Umgang mit Normen zur Barrierefreiheit.

Die Veranstaltung lud Architekt_innen, Planer_innen, Nutzer_innen und am Thema Interessierte, um die Herausforderungen und Vereinbarkeiten von baulichen Anforderungen, ästhetischen Umsetzungsmöglichkeiten und den unterschiedlichen Bedürfnissen gemeinsam auszuloten. Die Stellungsnahme der Expert_innen und die offene Diskussionsrunde gibt hier es als Podcast zum Nachhören.

Publikum

Die Konklusion des Abends macht Mut, Vorgaben zu hinterfragen – und sie mitzugestalten. Gerade für visuelle Orientierungssysteme sind die Richtlinien noch recht vage definiert. Diese generell nicht als Einschränkung wahrzunehmen sondern als Chance, gibt Architektur und visueller Gestaltung von Information die Kraft zur gemeinsamen positiven Veränderung hin zu einer fairen Benutzung von Räumen.

Die zweite Diskussionsrunde der Initiative Include widmete sich der wachsenden Gruppe von “alten” Menschen – und deren Wohlbefinden und selbstbestimmtem Handeln in Kliniken und Pflegeeinrichtungen.

Hanna Mayer, Vorständin des Instituts für Pflegewissenschaften an der Uni Wien; Hieronimus Nickl vom renommierten Architekturbüro Nickl & Partner mit Fokus auf Gesundheitsbauten; und Mathias Seraphin, Leiter für Betriebsorganisation und Funktionsplanung bei der VAMED diskutierten gemeinsam mit Erwin K. Bauer, wie medizinische Mitarbeiter_innen, Planer_innen und Designer_innen konkret dazu beitragen können, kommunikative und räumliche Barrieren zu beseitigen.

Themen waren sowohl die frühe Einbindung von Bedürfnissen in den Planungsprozess, die Diskrepanz von Bedürfniserhebung und baulicher Realisierbarkeit, wie auch Praxisbeispiele aus der Pflege und aus China. Die Expert_innen eint zusammenfassend das Verständnis, älteren Menschen selbstständige Orientierung zu ermöglichen – in dem Klarheit und Anhaltspunkte gleichermaßen zur Verfügung stehen.

Den Talk gibt es hier exklusiv zum Nachhören!

Simultanübersetzung Dolmetscherin

Wir danken Frau Brück von DolmetschServicePlus und ihrer Kollegin für die simultane Übersetzung in Gebärdensprache!

Logo Dolmetschservice

Zum zweiten Mal fand der Inklusionstag statt: In der Messe Wien fanden am 17.11. verschiedene Einrichtungen, Expert_innen und Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen & Bedürfnissen zusammen, um in Workshops und an Infoständen Sichtweisen und Perspektiven zum Thema Inklusion auszutauschen. INCLUDE war erstmalig dabei.

Ein Mitarbeiter der Initiative klebt vor Ort Leitlinien auf

Für die halbtägige Veranstaltung haben wir temporäre Bodenleitlinien vom Inneneingang zu unserem Infostand angebracht. Das physische Beispiel aus unserer Arbeit an barrierefreien Orientierungssystemen verwies direkt auf weiterführende Informationen zum Thema.

Anne Hofmann am Messestand von Include mit Präsentationsbildschirm und Bodenleitlinien
Detailaufnahme des Messestands von Include mit Informaterial

Unser Infostand gab Auskunft zu unserer Initiative, der Möglichkeit von privat geführten Rundgängen über den Campus WU und stellte auf einem Präsentationsbildschirm verschiedene weitere Anwendungsbeispiele für Inclusive Orientation Design vor.

Eröffnung des Inklusionstages durch Moderatorin
Katharina Hölzl von Include im Gespräch mit gehörlosen Interessierten

Über 400 Besucher_innen nahmen am Inklusionstag teil. Wichtigste Möglichkeit des Austausches waren die vielen einzelnen Gespräche mit verschiedensten Interessierten – oft unterstützt durch persönliche Assistenz, wie beispielsweise einer Gehörlosendolmetscherin. Diesen gleichberechtigten Zugang zu Informationen auch an allen anderen Tagen selbstverständlich zu machen, ist die Essenz der Initiative Include.

In einer zunehmend technologisierten Welt entstehen Orientierungshilfen für blinde und seheingeschränkte Menschen, die sie immer mehr in ihrer selbstständigen Mobilität unterstützen.

So auch ein von Microsoft in Entwicklung gebrachter Kopfhörer, ausgestattet mit GPS-Tracker und Kompass: “3D Soundscape” ist ein Headset, das direkt am Kieferknochen aufgesetzt wird, damit die Ohren die Umgebungsgeräusche weiterhin wahrnehmen können. Durch Vibration wird dennoch die Information des Navigationssystems weitergegeben. Gesteuert über ein Handy und online Landkarten, können so Routen programmiert werden oder Informationen über die Umgebung abgerufen werden. Landmarks und Richtungsangaben werden durch Signaltöne vermittelt – und das gesamte Umfeld so zu einer hörbaren Landschaft.

Ursula Spannberger ist Architektin, Mediatorin und Entwicklerin der nutzungsorientierten RAUMWERT-Analyse. Ihr Büro in Salzburg beschäftigt sich mit partizipativer Qualitätssteigerung von Architektur. Dabei werden in Gruppenarbeit die betreffenden geplanten oder gebauten Räume untersucht und auf das persönliche Befinden und die Bedürfnisse der Nutzer_innen kooperativ optimiert.

Wie lässt sich Ihr Arbeitsfeld an der Schnittstelle Architektur und NutzerInnen beschreiben? Welches Anliegen und welche Motivation steckt hinter Ihrer Arbeit als „Raumwert-Analytikerin“?
Mein Anliegen ist Empowerment, raus aus der Opferhaltung – rein in die Eigenverantwortung! Aus der Erkenntnis, dass Raum auf uns alle wirkt und nach meiner Überzeugung, dass jede/r das für sich spüren kann, kam der Wille, diese Wirkung für Menschen aktiv nutzbar zu machen und ihnen mit einer neu entwickelten Methode ein Werkzeug und eine Sprache dafür zur Verfügung zu stellen. Im Sinn von ‚form follows function’ — Form folgt der sozialen Funktion!

RAUM.WERTanalytiker_innen sind alle, jede/r einzelne, nicht nur ich!

Ursula Spannberger

Weil der RAUM.WERT nicht objektiv bestimmt werden kann, er ist immer subjektiv. Deshalb kann darüber auch nicht gestritten werden, so wie über beispielsweise Schönheit. Aber man kann sich gemeinsam über Bedürfnisse abstimmen. Quasi als Nebenprodukt ergeben sich Veränderungen und Entwicklungen in den Beziehungen untereinander, die z. B. für Unternehmen in Change Management Prozessen genutzt werden können. Mit Großgruppenmethoden aus der holistischen Organisationsentwicklung ist diese Abstimmung auch für eine sehr große Anzahl von Menschen individuell und gemeinsam möglich. Menschen, die sich mit ihren Anliegen und Bedürfnissen gehört und wahrgenommen fühlen, sind viel eher bereit, auch Kompromisse zu machen oder (finanzielle) Grenzen zu akzeptieren. Meine Motivation für diese Arbeit ist die Freude, die Menschen haben, wenn sie — endlich — gefragt werden und soziale Nachhaltigkeit das gemeinsame Ergebnis ist.

Was sind typische, exemplarische Aufgaben bzw. Projekte, mit denen Sie sich konfrontiert sehen?
Ich arbeite auf allen Gebieten, die mit Raum und seiner Veränderung zu tun haben, von der kleinsten Wohnung über Gebäude für Unternehmen oder Bildungsbauten bis hin zu städtischen Außenräumen. Exemplarisch möchte ich das ICT&S Center der Universität Salzburg, den Schulcampus Neustift im Stubaital mit der Zusammenlegung von drei Volksschulen, einer Neuen Mittelschule, einer Schihauptschule und einem Internat an einem neuen Standort sowie das Konferenzzentrum von Infineon in Villach nennen.

Architekturbeispiel Infineon Villach

Sie arbeiten mit Tools unterschiedlichster Methodiken und haben zusätzlich 9 Parameter zur Raumwertanalyse festgelegt. Wie lassen sich diese beschreiben?
Sie sind ein Hilfsmittel dafür, sich in Alltagssituationen hineinzuversetzen, den eigenen Bedürfnissen an den Raum nachzuspüren, diese dann zu formulieren und mit den anderen Nutzer_innen der Räume zu verhandeln. Die einzelnen RAUM.WERTE sind nicht streng voneinander abgegrenzt, sie spiegeln sich in anderen wider und können so von verschiedenen Seiten beleuchtet, auf verschiedene Tätigkeiten hin abgeklopft werden. Beispielsweise hat der Raumwert 2 (RW), „Orientierung und Übersichtlichkeit“ auch Aspekte in RW5 „Weglängen und Wegqualitäten“, eventuell aber auch in RW9 „Selbstbild/Fremdbild“ anhand der Fragestellung „Wie komme ich zu dem Gebäude des Unternehmens, in dem ich arbeite? Wie wirkt es nach außen? Heißt es mich und andere willkommen? Wie bewege ich mich darin?“

Diskussionsgruppe

Am Ende einer Analyse steht ein räumlicher Qualitätskatalog — wie wird dieser entwickelt und wie findet er konkret Umsetzung?
Der räumliche Qualitätenkatalog wird von uns aus den Ergebnissen des ersten und zweiten Großgruppenworkshops (und allem, was in diese hineinspielt, z. B. Erkenntnisse aus Exkursionen, etc.) „destilliert“ und danach noch einmal mit der Steuerungsgruppe abgestimmt. Er besteht aus einem textlichen Teil, der über räumliche Qualitäten und Zusammenhänge informiert und einem klassischen Raumprogramm in Form einer Tabelle mit m2-Erfordernissen (meist von — bis …). Der Katalog ist dann Grundlage und Briefing für die eigentliche Planung, sei es als Direktauftrag oder mittels Wettbewerb. Er dient für die Nutzer_innen auch immer wieder als Rückversicherung und Referenz auf das, was sie brauchen und sich gewünscht haben. Damit können sie den ihnen präsentierten architektonischen Entwurf immer wieder gegenchecken.

Wie lässt sich Ihre gedankliche Klammer, die Inklusion, als selbstverständliche Haltung eines Miteinanders in eine breitere Öffentlichkeit bringen?
Durch Workshops, Nachdenken, Gespräche, selbst Erleben, z. B. in Form der Sensibilisierungsworkshops, die meine Kollegin Monika Schmerold, die selbst einen Rollstuhl braucht, anbietet.

Sie sind gebürtige Dänin — und dem europäischen Norden wird ja generell eine fortschrittlichere Haltung sowohl im Umgang mit Inklusion als auch in der Gesetzeslage attestiert. Gibt es konkret Dinge, die Sie dort als vorbildhaft bezeichnen würden?
Oh ja! Beispielsweise im Schulbau, da haben wir viele anregende und erfreuliche Beispiele! Ich freue mich schon sehr auf die anstehende Exkursion Ende August nach Kopenhagen und den geplanten Austausch mit unseren Kolleg_innen von loop.bz, mit denen wir dort Schulen besichtigen werden.

➙ Link zu Raumwert

Mühsam, während der Radtour immer wieder abzusteigen und die Route zu überprüfen? Oder schon einmal das eigene Rad nach dem Absperren nicht in der Masse gefunden? smrtGrips ist eine vibrierende Navigationshilfe, die über die Fahrradlenker Signale weitergibt. Über Bluetooth verbindet sich die Elektronik mit dem Smartphone und führt sogar den Weg zu “befreundeten” Fahrrädern in der Nähe. Das Projekt wird momentan über Crowdfunding verwirklicht!

Mobiltelefone & Mobilität: zwei Themen, die mittlerweile immer mehr Zusammenstöße generieren – auch im wortwörtlichen Sinn. Spätestens seit dem aktuellen Pokémon Go-Hype schauen immer mehr Menschen auf ihr Handy statt auf die Straße. Erste gestalterische Ansätze wollen helfen, Unfälle zu vermeiden.

Allgemein gehen wir davon aus, dass im Straßenverkehr Achtsamkeit & empathisches Vorausdenken selbstverständlich ist. Jedoch fordert der mittlerweile ebenso selbstverständliche Blick auf Mobiltelefone Veränderung in der Verkehrsplanung und der Gestaltung von öffentlichen Leitsystemen. An mehreren Orten wird an Lösungen gearbeitet, eine simple und beinahe humorvolle davon findet sich in Chongqing, China.

Zweigeteilster Gehsteig mit eigener Seite für Menschen die ihr Telefon nutzen

Auch in Augsburg werden an ausgewählten, verkehrsintensiven Standorten erste Konsequenzen aus der Häufung von Unfällen gezogen. Fußgänger_innen werden durch in den Boden integrierte Lampen darauf hingewiesen, ob eine Straße gequert werden kann – und damit in ihrer persönlichen Verantwortung unterstützt.

Frau mit Handy in der Hand blickt auf Straße mit integrierten Leuchtpunkten

Einen Schritt weiter geht Melbourne, wo das Designstudio Büro North ein Smart Tactile Paving entwickelt hat. Ähnlich einer Verkehrsampel signalisiert ein Farbsystem “Stop” & “Go” – dabei richten sich die im Boden eingelassenen Lichtlinien vor allem an Menschen mit Blick nach unten.

Büro North formuliert mit dem Projekt ihren zukunftsgestaltenden Zugang zu Design: “Rather than attempting to modify behavior by legislation or punitive laws that will ultimately prove futile, we want to make cities safer by design”. Den Blick manchmal zu heben und visionär über den Horizont zu schauen, lohnt sich also doch – auch um mehr reale Interaktionen zu generieren, als Augmented Realities es vorgeben zu tun.

Jedes Jahr markiert der 5. Mai den – kurz, den Tag der Inklusion. Auch heuer finden wieder etliche kulturelle Veranstaltungen statt, die die unterschiedlichsten Bedürfnisse von Menschen adressieren und/oder thematisieren.

Eines der größten Ereignisse ist die Ausstellung “Barrierefreiheit im Kopf”, initiiert vom Verein Lifespan. In der ehemaligen Ankerbrotfabrik wird mittels Kunstwerken für die Themen Barrierefreiheit, Gleichstellung und Inklusion sensibilisiert. Mehr Informationen zur Veranstaltung finden sich auf der dazugehörigen barrierefreien Homepage.

Unter dem Motto #MuseumFürAlle bieten auch etliche Museen barrierefreie Führungen an, Informationen zu den Veranstaltungen finden sich in der Presseaussendung des Museumsbundes.