Leit- und Orientierungssysteme für sehbeeinträchtigte und blinde Menschen stellen große Herausforderungen an Designer_Innen und Planer_Innen. In meiner Bachelorarbeit beschäftigte ich mich besonders mit der Thematik, wie ein barrierefreies Leitsystem sinnvoll entwickelt werden kann und gleichzeitig die Ästhetik nicht außer Acht gelassen werden muss.

Während meines Studiums interessierte mich besonders das Arbeitsfeld der Signaletik und somit das Erarbeiten von komplexen Informationssystemen. Je tiefer ich in die Thematik bei meiner Recherche für meine Bachelorarbeit vordrang, um so häufiger stolperte ich über den Begriff Barrierefreiheit. Was ist Barrierefreiheit und wer benötigt barrierefreie Leit- und Orientierungssysteme? Dieser Frage ging ich in einem theoretischen Teil nach und beantwortete sie mit einer konkreten Lösung.

Der Theorieteil meiner Arbeit beschäftigt sich mit den Ansprüchen, die vor allem sehbeeinträchtigte und blinde Menschen an ein barrierefreies Leitsystem stellen, und was sie benötigen, um sich selbstsicherer im öffentlichen Raum zu orientieren. Des Weiteren verschafft die Publikation einen komprimierten Überblick über die wichtigsten gestalterischen Grundlagen eines solchen Leitsystems. In einem Kompendium werden DesignerInnen, die schon Projekte mit dem speziellen Fokus realisiert haben, vorgestellt – und damit die Alltagspraxis von barrierefreier Gestaltung bzw. einem Beitrag von Design zu einer Welt ohne Barrieren.

Theorie- und Praxisbuch, Cover und Buchrücken
Aufgeschlagene Doppelseite aus dem Theoriebuch: Kapitelübersicht: Gestaltungsrichtlinien taktiler Beschriftung.
Aufgeschlagene Doppelseite aus dem Theoriebuch: Visuelle Beschriftung (Schriftgrößen).
Aufgeschlagene Doppelseite aus dem Theoriebuch: So unterschiedlich kann Sehen sein, eine bedruckte Folie liegt über dem Text und simuliert eine mögliche Sehbeeinträchtigung.
Aufgeschlagene Doppelseite aus dem Theoriebuch: Kapitel: So unterschiedlich kann Sehen sein, die bedruckte Simulationsfolie wird umgeschlagen.
Aufgeschlagene Doppelseite aus dem Theoriebuch: Kompendium, Interview mit Ruedi Baur.

Für den praktischen Teil meiner Bachelorarbeit bin ich mit dem staatlichen Überregionalen Sonderpädagogischen Zentrum (ÜSPZ) — eine Schule für sehbehinderte und blinde, aber auch für hörbehinderte und gehörlose Kinder — eine Kooperation eingegangen, mit der Absicht für diese ein barrierefreies und international verständliches Leitsystem zu gestalten. Dieses sollte den Schüler_Innen die Möglichkeit bieten, selbstständig mobil zu bleiben und sich ohne fremde Hilfe zu orientieren. Das konzipierte, aber bisher noch nicht realisierte Leitsystem sollte für alle Nutzer_Innen barrierefrei, flexibel, fröhlich, integrationsfördernd und identitätsstiftend sein – und einen spielerischen Zugang zu Orientierungssystemen ermöglichen.

Gestaltungskonzept – Elemente
Dem ÜSPZ stand kein großes Etat für ein neues Leitsystem zur Verfügung, weswegen Elemente des alten Systems übernommen beziehungsweise modifiziert werden sollten. Kaum ein anderes System ist so flexibel und individuell adaptierbar wie das der Steckbuchstaben auf Rillengummitafeln.

Aufgeschlagene Doppelseite aus dem Praxisbuch: Kapitel: Bestandsanalyse, Großaufnahme der bisher verwendeten Steckbuchstaben.

Durch die neue Form des Sechsecks und die gestalterische Differenzierung der Informationen und den daraus resultierenden Schildertypen ist es den Nutzer_Innen möglich, eine schnelle Zielort-Auswahl zu treffen. Zusätzlich ist durch das neue Leitsystem ein unkomplizierter und schneller Austausch der Informationen garantiert – was natürlich auch den Schüler_Innen einen spielerischen Umgang mit dem Leitsystem erlaubt. Allerdings mit einer Regelung: Alle Informationen haben zum ersten Schultag eines neuen Schuljahres für mindestens eine Woche wieder an Ort und Stelle zu stecken.

2D Ansicht der Gesamtübersicht mit Personen-Silhoutten.
2D Ansicht der Geschossübersicht, erstes Geschoss mit Personen-Silhouetten.

Essenz des neuen Leitsystems ist, dass sich die Lehrer_Innen und Schüler_Innen ganz aktiv mit dem System auseinandersetzen und teilweise ihre eigene Identität mit einbringen können. Lehrbeauftragte können sich innerhalb des Systems ihre Türschilder selbst gestalten. Die Schüler_Innen haben die Möglichkeit, sich ihre Spindschränke selbst zu gestalten oder können die Verantwortung für ihr Klassentürschild übernehmen, indem sie sich abwechselnd um den Austausch der altersabhängig gestalteten Piktogramme bemühen.

2D Ansicht der Türbeschilderungen mit Personen-Silhoutten.
2D Ansicht der Spintschränke mit Personen-Silhoutten. Die Spintschränke sind mit sechseckigen Modulen aus dem Leitsystem versehen, diese sind verschieden bestückt mit Namen aus Steckbuchstaben, Klassenpiktogramm und Portraits der Schüler_Innen.

Der Hauptfokus bei der Gestaltung des neuen Leitsystems ist die Barrierefreiheit. Die Informationsinhalte sind durch Pyramidenschrift und Anbringungshöhen auf hochgradig sehbeeinträchtigte Menschen angepasst. Durch die Piktogramme funktioniert die Informationsvermittlung auch sprachunabhängig. Um auch in der Farbgebung des neuen Leitsystems barrierefrei zu bleiben, habe ich mich für sechs eindeutig differenzierbare und kontrastierende Neonfarben entschieden, um zusammengehörige Informationsgruppen eindeutig erkennbar zu machen.

Nahaufnahme des Prototypen (Geschossübersicht)
Nahaufnahme des Prototypen (Geschossübersicht)
Darstellung aller entwickelten Piktogramme: Allgemein (WC, Garderobe, Speisesaal, Dusche, Arztzimmer etc.), Personal (Lehrerzimmer, Küche etc.), Unterricht/Freizeit (Comuperraum, Chemielabor, Werkraum etc.), Hortgruppen (Teddybär, Schmetterling, Vogel, Elefant), Vorschulklassen (Marienkäfer, Pinguin etc.), Vorschulklassen (Maus, Delphin, Katze etc.), Mehrstufenklassen (Sonne, Wolke, Mond), Mittelschulklassen (Sonnenbrille, Rollschuh, Ufo etc.) und Sonderschulklasse (Radio)

 „Barrierefreiheit in Leitsystemen für sehbeeinträchtigte und blinde Menschen“ soll DesignerInnen zukünftig als Leitfaden für ihre Gestaltung dienen und ihnen die Angst nehmen, sich dieser Herausforderung zu stellen – und damit allen Menschen einen leichteren und fairen Zugang zu Informationen ermöglichen.

Anne Hofmann