Helmut Schachinger ist Geschäftsführer des Dialog im Dunkeln Wien. Die Erlebnisinstallation im Schottenstift lässt in Formaten wie Ausstellungen, Dinner im Dunkeln, Die Führung hinters Licht, Events im Dunkeln Blinde und Sehende die Rolle tauschen. Die Führungen und Veranstaltungen wollen Verständnis für jene Menschen schaffen, die die Welt auf ihre ganz eigene Art und Weise sehen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Teammitgliedern in der Konzeption und Abwicklung von Formaten, wie sie im ‚Dialog im Dunkeln‘ produziert werden?
Die einzige Trennung zwischen sehenden, sehbeeinträchtigten und blinden Menschen findet in der Arbeitsaufteilung zwischen Ausstellungsführung und im Service statt. Alle Tätigkeiten im Dunkeln werden ausschließlich von unseren blinden und sehbehinderten Mitarbeiter_innen durchgeführt. Alle anderen Tätigkeiten werden gemeinsam gemacht, dazu zählen die Aufgaben an der Kassa, im Informationsbereich und auch die organisatorischen Aufgaben sind gleichmäßig verteilt. Alle machen alles.

Wie bist du eigentlich zum ‚Dialog im Dunkeln‘ gekommen?
Die erste Ausstellung zu diesem Thema fand 1993 im Naturhistorischen Museum in Wien statt. Ohne zu wissen was mich erwartet, habe ich mich vom damaligen Leiter durch die Ausstellung führen und alles erklären lassen. Nach dem ich Interesse gezeigt hatte, sollte ich den Leiter spontan selbst durch die Ausstellung führen. Nach der Hälfte der Ausstellung meinte er zu mir: „Morgen um 9 Uhr ist Dienstbeginn.“ Das war meine Einschulung. Danach hat sich alles Weitere ergeben.

Heute legen wir besonderen Wert auf die Qualität, das heißt maximal acht Personen pro Führung. Die Menschen versuchen alle die Nähe der anderen Menschen zu finden, um nicht das Gefühl der Verlorenheit zu spüren und um so größer die Gruppe ist, desto schwieriger wird es für alle Beteiligten.

Welche Reaktionen bekommt ihr von euren Gästen? Äußern sich die Gäste oft gleich nach einer Ausstellungsführung oder eher zu einem späteren Zeitpunkt?
Beim Dinner im Dunkeln werden Fragen während des Essens gestellt. Unsere Gäste hinterlassen oft ihre Meinungen in unserem Gästebuch — dort lesen wir sie dann nach. Nach den Führungen durch unsere Ausstellung stehen wir oft noch mit unseren Besucher_innen draußen und plaudern ein wenig und beantworten ihre Fragen. Oft kommen persönliche Fragen zu uns, oder sie wollen alltagspraktische Beispiele erklärt bekommen — wie wir Blinde z. B. Geldscheine voneinander unterscheiden können. Es gibt auch oft Gruppen, die nach einer Führung nach draußen gehen und total ruhig sind, die einfach nachdenken und das Geschehen oder das Erlebte wirken lassen.

Außerhalb des ‚Dialog im Dunkeln‘, also im öffentlichen Raum, werde ich oft später noch von Menschen angesprochen. „Hallo Helmut! Ja kennst du mich nicht? Du hast mich mal durch die Ausstellung geführt!“ Mit solchen Momenten muss ich dann natürlich möglichst souverän umgehen — sonst fühlt sich die Person gekränkt, nicht verstanden. Ich versuche durch die Erzählungen zu rekonstruieren welche Person vor mir steht, bisher ist es mir auch immer gelungen einen Anhaltspunkt zu finden. Das ist nicht immer leicht — allerdings mache ich diesen Job schon seit 21 Jahren. Das sind sechs Führungen am Tag, insgesamt täglich 48 Leute, 5 mal die Woche.

Hat es in der Zeit von 21 Jahren einprägsame Erlebnisse mit diversen Reaktionen von Gästen gegeben? Ist es beispielsweise schon mal passiert, dass Besucher_innen die Dunkelheit nicht ausgehalten haben?
Ich habe ungefähr 17 Personen gehabt, die zu Beginn einer Führung wieder umdrehen wollten. Von diesen 17 habe ich 13 oder 14 Personen nach einem kurzen Gespräch im Endeffekt doch durch die Ausstellung geführt, obwohl sie sich zuerst nicht getraut hatten. Die restlichen Personen haben ein vehementes NEIN von sich gegeben — und ein solches muss kompromisslos akzeptiert werden. Mir wurden schon die schlimmsten Geschichten erzählt, z. B. traumatische Erlebnisse als Kind oder Überfälle in einem Park. Solche Dinge. Ich könnte daher durchaus sagen:

Dunkelheit bringt das Verborgene ans Licht.

Helmut Schachinger

 

Holt die Dunkelheit auch die Glückseligkeit hervor?
Es gibt viele Gäste, die freudestrahlend aus einer Führung kommen. Es ist einfach ein außeralltägliches und ungewöhnliches Erlebnis. Viele nennen eine Begegnung mit ‚Dialog im Dunkeln‘ „Urlaub für die Augen“.

Fangen Menschen, die sich nicht kennen, an miteinander in der Ausstellung zu agieren?
In der Ausstellung ja. Die meisten Gäste achten während einer Führung aufeinander, helfen sich und sind für einander da. In dem Moment wo es wieder hell wird, sind sie wieder per Sie und distanziert. Es gibt natürlich auch Besucher_innen, die nach der Ausstellung per du bleiben und noch etwas trinken gehen.

Was sind die drei häufigsten Fragen die euch während einer Führung oder eines Dinners gestellt werden?
Die häufigste Frage ist: „Wer bist du?“ oder „Wer ist das?“ Die häufigste Feststellung, die wir immer wieder zu hören bekomme ist: „Ich seh nix”. Aus diesem Grund haben wir uns genau diesen Satz schützen lassen und uns im Internet die weiterführende Domain www.ichsehnix.at gesichert.

Andere häufige Fragen sind: Wie stark ist die jeweilige Seheinschränkung, wie ist es dazu gekommen und wie wir uns im öffentlichen Raum bewegen oder mit Geld umgehen. Natürlich interessieren auch private Fragen, wie ziehst du dich an, wie gehst du einkaufen. Nach einer Führung gehe ich oft nach draußen und schalte ab. Das ist ein reiner Selbstschutz, weil immer wieder die selben Fragen gestellt werden. Ich muss für die nächste Gruppe voll fit und vorbehaltlos sein. Das sind komplett andere Leute und man muss sich auf diese neue Gruppe einstellen.

Wie präsentiert ihr euch als Firma?
Wir sehen uns als Schnittstelle oder als Anlaufstelle für sehende — nicht für blinde Menschen. Wir wollen unsere Mitmenschen aufmerksam machen, um ein anderes Bild von blinden Menschen zu vermitteln, um zu zeigen, dass blinde Mensch zwar blind sind, aber genauso ihre Qualitäten sowie gute und schlechte Seiten haben, wie die Sehenden auch. Wir leisten da gewissermaßen Aufklärungsarbeit. Manchmal gehen wir mit dieser Arbeit auch hinaus, beispielsweise auf externe Veranstaltungen. Ob für eine Firma oder ein Fest: Da sind wir ganz offen. Wer mit uns in Verbindung tritt, wird sehen, dass spannende Kooperationen möglich sind.

Gibt es Keywords, Schlagworte oder Begrifflichkeiten, die in eurer Welt immer wieder vorkommen?
Es gibt nicht die Formulierung „Auf Wiederhören“. Wir sind da eher provokativ und versuchen in der Ausstellung bewusst optische Beschreibungen zu wählen, um die Leute bewusst darauf zu stoßen. Es haben viele das Problem, die richtige Wortwahl zu finden. Viele meinen: „Ich kann doch nicht ‚sehen‘ sagen, dass ist doch diskriminierend für die blinden Menschen.“ Das ist aber Blödsinn! Ich sage ja auch nicht zu einem Rollstuhlfahrer, wenn ich das Wort „gehen“ aus Rücksicht vermeiden möchte, „Wie rollt es dir?“. Ich frage: „Wie geht es dir?“, „Gehen wir ins Gasthaus?“. Darum bauen wir bewusst optische Redewendungen in unsere Führungen mit ein. „Schau her!“ oder „Hast du mich nicht gesehen?“ Meine Erklärung auf ihr Nachfragen ist dann: „Ich sehe dich auf meine Art und Weise.“

Bestimmte Magic-Words oder Keywords gibt es keine. Ganz im Gegenteil, indem solche Wörter gebraucht werden klingt vieles gekünstelt. Um so vorurteilsloser Mitmenschen einander begegnen, um so besser. Inklusion beginnt dann, wenn gar nicht erst darüber nachgedacht, sondern das Gegenüber einfach wahrgenommen und akzeptiert wird.

In welcher Situation oder an welchem Ort fühlst du dich am wohlsten?
Auf meiner Terrasse. Egal was ist, egal welches Wetter — wenn ich nach Hause komme, setze ich mich mindestens für eine Viertelstunde auf meine Terrasse. Die Terrasse mit dem Blick in den Garten. Auch wenn ich den Garten nicht optisch sehe, weiß ich wo sich welcher Strauch befindet und welcher Gattung er angehört. Ich rieche, wenn ein Strauch blüht und ich gehe öfters im Garten herum und streiche mit meinen Händen über die Sträucher. Wenn ich dann Auswüchse spüre, hole ich gleich die Gartenschere und beschneide die Pflanzen. Die Terrasse ist mein Erholungsort, mein Rückzugsgebiet.

Was wünscht du dir von deinen Mitmenschen?
Weniger Ignoranz. Aber das sage ich nicht nur weil ich blind bin, sondern das gilt generell. Wir haben vor einiger Zeit Projekte wie beispielsweise Tandem-Ausflüge mit Jugendstrafgefangenen gemacht. Nach dem sechsten Ausflug fragte mich ein Strafgefangener: „Sag mal, interessiert dich eigentlich gar nicht warum ich einsitze?“ — Warum sollte mich das interessieren? Wenn du willst, wirst du es mir erzählen und wenn nicht, dann eben nicht. Die Tat musst du mit dir verantworten. Wenn du sie mir erzählen möchtest, höre ich dir gern zu und rede mit dir darüber. Aber ich höre dir als Mensch zu, und nicht als einem, der etwas bestimmtes gemacht hat. Genau das erwarte ich mir von meinen Mitmenschen.

Ich hoffe so, Menschen zum umdenken zu bewegen und sie mit meiner Einstellung zu erreichen. Dann kann ich sagen, dass ich etwas geleistet habe und nicht gejammert habe, wie garstig meine Umwelt ist. Menschen, die immer von der Gesellschaft erwarten integriert zu werden, müssen selbst etwas dazu beitragen. Erst wenn ich mich in die Gesellschaft integriere, hat die Gesellschaft die Möglichkeit mich aufzunehmen und sich durch mich zu erweitern. Was ist ein gegensätzliches Geben — und Wahrnehmen.

Wir arbeiten für unser Projekt mit sechs verschiedenen Symbolen. Welchem Symbol – Auge, Mund, Ohren, Nase, Herz oder Hand – würdest du dich instinktiv zuordnen?
Jetzt muss ich eine doofe Frage stellen: Zeigt die Hand mahnend oder zeigt die auf etwas?

Freundlich hinweisend.
Dann würde ich mich für die zeigende Hand entscheiden.

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