Im Juni 2014 hat das buero bauer ihr jährliches Sommerfest gefeiert, und dabei zu delightful food und drinks in the dark geladen. Einer der Arbeitsräume in der weitläufigen Alpenmilchzentrale wurde dabei zu einem „Darkroom“ umgebaut, in dem von Mitarbeiter_innen des Dialog im Dunkeln Wein ausgeschenkt wurde. Die vollständig abgedunkelte Bar war eine Einladung an die Gäste, Gewohntes unter ungewöhnlichen Bedingungen neu zu erfahren und wahrzunehmen. Wie schmeckt Wein ohne Farbe? Was höre ich im Gespräch ohne die Mimik des Gegenübers? Wie spüre ich den Raum ohne sichtbare Grenzen? Und wie nachhaltig hat das die Besucher_innen beeindruckt? Wir haben nachgefragt.

Christoph Loidl
Bildnerischer Erzieher, Leiter der Produktionsschule Salzkammergut, seheingeschränkt durch eine Rethinopathia pigmentosa

Hast du den Darkroom mit einem bestimmten Vorwissen betreten?
Ich habe gewusst, dass es im Darkroom stockdunkel ist und man dort von blinden Menschen geführt wird.

Was hat dich am meisten neugierig gemacht?
Da ich aufgrund meiner Nachtblindheit in der Dunkelheit ohnehin nichts/schlecht sehe, habe ich für mich persönlich keine grossen Erwartungen gehabt. Interessant war für mich eher, wie es wohl sein wird, wenn alle anwesenden Personen nichts sehen können.

Wie wurde deine Wahrnehmung herausgefordert: Was hast du gehört, gefühlt,…? Wie hat z.b. der Wein geschmeckt?
Wie schon oben erwähnt, bin ich es durch meine Sehbehinderung gewohnt, den Fokus auf meine übrigen Sinne zu legen. Somit wurde meine Wahrnehmung nicht mehr oder weniger gefordert als sonst. Aber eins konnte ich ohne zweifel feststellen: Der Wein war gut!

Wie hast du dein eigenes Verhalten und das anderer in der neuen Umgebung wahrgenommen? —> Stimme, Gespräche, Körperhaltung, Bewegungen…
Ich habe mich selbst sehr wohl gefühlt und mich meiner eigenen Wahrnehmung nach sehr souverän im Darkroom bewegt (für mich ist es völlig normal ein Glas an der Bar zu ertasten…), habe aber bei vielen anderen doch gemerkt, dass mit dem Verlust des Sehens, auch eine gewisse Unsicherheit in der Kommunikation mit fremden Personen einherging. Meiner Erfahrung nach ist der erste Eindruck eines fremden Menschen ein ganz anderer, wenn nur eine Stimme erfasst wird.

Wie hast du den Kontrast zwischen dem Dunkel & der hellen Festumgebung danach empfunden?
Die ersten Momente waren sehr unangenehm. Es war witzig im Nachhinein die Gesichter der Gesprächspartner_innen zu sehen (die Vorstellung hat nicht die Realität getroffen…).

Hat dich die Situation weiter beschäftigt, wie denkst du jetzt darüber?
Nicht wirklich! Es war eine Erfahrung, aber ich verbiete mir selbst zu viele Gedanken an ein Leben ohne Licht zu verschwenden

Woran erinnerst du dich am stärksten? Hast du ein Bild / Ton / Geschmack etc. / Eindruck vor Augen?
Das Vogelgezwitscher! Hat sich aufgedrängt, eingeprägt und auch irritiert! Hat die Situation surreal erscheinen lassen und die Wahrnehmung des Raumes stark beeinträchtigt.

Tomáš Dabrowski
Ehem. Sozialbetreuer für Behindertenarbeit, Student Philosophie & Ernährungswissenschaft, Barchef

Hast du den Darkroom mit einem bestimmten Vorwissen betreten?
Dass es diese Art von Gastronomie bereits länger gibt und es nun wohl sehr dunkel wird.

Was hat dich am meisten neugierig gemacht?
Ob das Schwarz auch richtig schwarz sein wird. War es im übrigen nicht oder zumindest in meiner Wahrnehmung nicht: rund um mich sah ich immer wieder irritierende weiße Blitze im Augenwinkel, wie ein weißer Nebel rund um mich. Mir wurde später erklärt, dass mein Gehirn diese “Ausgleichshandlung” quasi vortäuschte, um mir zu signalisieren: alles in Ordnung, dein Sehsinn funktioniert eigentlich noch!

Wie wurde deine Wahrnehmung herausgefordert: Was hast du gehört, gefühlt,…? Wie hat z.b. der Wein geschmeckt?
Der Wein schmeckte intensiver als unter sichtbaren Verhältnissen! Ich saß an einem Tisch mit einigen buero bauer Mitarbeiter_innen und je nach Stimmpräsenz waren diese gefühlt näher bzw. weiter weg als sie tatsächlich waren. Durch die Kombination von Ventilatoren, heißer Luft und Mobiliar dachte ich die ganze Zeit, ich sitze bei einem Heurigen in Südamerika.

Wie hast du dein eigenes Verhalten und das anderer in der neuen Umgebung wahrgenommen? —> Stimme, Gespräche, Körperhaltung, Bewegungen…
Ja, also wie bereits erwähnt die Landkarte in meinem Kopf wurde durch die Präsenz der Akteur_innen an meinem Tisch gezeichnet. Die Gespräche drehten sich zum großen Teil um die Situation, Wahrnehmung etc. Meine Körperhaltung und die ausgehenden Bewegungen waren alle wohl durchdacht und sehr langsam, tastend – wollte ich weder mich selbst, die anderen sowie die Gläser gewissermaßen schützen.

Wie hast du den Kontrast zwischen dem Dunkel & der hellen Festumgebung danach empfunden?
Der Moment des Wiedersehens – ungefähr so stelle ich mir meine Geburt vor: viel zu hell, jedoch mit extrem hässlichen ausgeblichenen Farben, fremde Menschen schauen dich erwartungsvoll an und sind gespannt auf eine erste Reaktion.

Hat dich die Situation weiter beschäftigt, wie denkst du jetzt darüber?
Mich hat v.a. die Farbigkeit in den ersten Momenten danach noch länger erstaunt. Im Nachhinein denke ich mir, dass wir uns während des Konsums von Speis und Trank manchmal bewusster auf diese fokussieren sollten.

Woran erinnerst du dich am stärksten? Hast du ein Bild / Ton / Geschmack etc. / Eindruck vor Augen?
Eben erwähntes geburtsähnliches Erlebnis.

Dialog im Dunkeln Mitarbeiter in der Bar

Robert Kropf
Gründer der a-list, schreibt über Lifestyle-Themen, Kulinarik und Wein

Hast du den Darkroom mit einem bestimmten Vorwissen betreten?
Ein klein wenig Vorwissen hatte ich schon. Ich habe Dinner in the Dark schon mal in Hamburg besucht, und vor einigen Jahren wurde ich zu einer Whiskeyverkostung eingeladen, die von Blinden geführt wurde und auch in einem Dark Room stattfand.

Was hat dich am meisten neugierig gemacht?
Die Verkostung. Und: hat das buero bauer-Team den Raum wirklich ganz ganz ganz dunkel hinbekommen? Wie wird sich der Raum anfühlen, den ich vorher schon mal im Licht gesehen habe.

Wie wurde deine Wahrnehmung herausgefordert: Was hast du gehört, gefühlt,…? Wie hat z.b. der Wein geschmeckt?
Die ersten Minuten war die Herausforderung nicht all zu groß, weil die Aufregung und die Lautstärke im Raum die Sensorik nicht geschärft hat. Danach völliger Raumgrößenverlust (ähnlich wie in einem Salzwassertank). Größtes Herausforderung war mit Sicherheit die völlige Nichteinschätzbarkeit von Abständen. Weinverkosten ist an sich schon eine nicht ganz leichte Sache, auch die größten Kapazunder versagen da regelmäßig bei Blindverkostungen. Im dunkten Raum, bei einer quasi Doppelt-Blindverkostung und ohne Einsatz der Augen war es für mich ganz schwer, Weine zu erkennen.

Wie hast du dein eigenes Verhalten und das anderer in der neuen Umgebung wahrgenommen? —> Stimme, Gespräche, Körperhaltung, Bewegungen…
Bei mir und auch bei allen anderen habe ich den verzweifelten Versuch wahrgenommen, Orientierung durch viel Reden herzustellen (passiert im “normalen” Leben ja auch). Wie Fledermäuse, die hoffen, dass der zurückkommende Schall irgendwas über Entfernungen aussagt. Völlig sinnlos, natürlich. Sprache wurde lauter, Körperhaltungen sind eher eingefroren, Slow Motion. Probelm war nicht so sehr die Dunkelheit, sondern die unmittelbare Umgebung. Find ich mein Glas überhaupt nochmals, wenn ich es hinstelle?

Wie hast du den Kontrast zwischen dem Dunkel & der hellen Festumgebung danach empfunden?
Unspekatulär durch Aufmerksamkeitsumkehr. Draussen wurde so aufgeregt erzählt über drinnen, dass der Kontrast Nebensache war.

Hat dich die Situation weiter beschäftigt, wie denkst du jetzt darüber?
Wenn keine Orientierung da ist, hilft Reden auch nix!

Woran erinnerst du dich am stärksten? Hast du ein Bild / Ton / Geschmack etc. / Eindruck vor Augen?
Suchen mit der Hand nach dem Abstand zu Glas und Mund.