Include Talk #1

2. Dezember 2014

Allen Menschen uneingeschränkten Zugang zu Information & Raum zu bieten, ist bis Ende 2015 in allen öffentlich zugänglichen Bauten sicherzustellen. Wie lässt sich dieser Anspruch gestalterisch im Einklang mit den Normen umsetzen? Wie werden alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen erreicht? Wer entscheidet über die Qualität der Ergebnisse?

Diskussion in der Alpenmilchzentrale, ab 18.30 Uhr
Über den smarten Umgang mit Normen zur Barrierefreiheit

Erwin K. Bauer / buero bauer – Gesellschaft für Orientierung und Identität mbH
Maria Grundner / Mobilitätsagentur
Daniela Walten / BWM Architekten

Moderation: Christine Müller / Architektur & Bau Forum

Im Anschluss bitten wir zu Wein & Maroni!
Anmeldung unter office@include-initiative.org
Weyringergasse 34/1, 1040 Wien

Für einen barrierefreien Zugang bitte um Anruf unter +43 1 504 48 18

Zum zweiten Mal fand der Inklusionstag statt: In der Messe Wien fanden am 17.11. verschiedene Einrichtungen, Expert_innen und Menschen mit unterschiedlichsten Hintergründen & Bedürfnissen zusammen, um in Workshops und an Infoständen Sichtweisen und Perspektiven zum Thema Inklusion auszutauschen. INCLUDE war erstmalig dabei.

Ein Mitarbeiter der Initiative klebt vor Ort Leitlinien auf

Für die halbtägige Veranstaltung haben wir temporäre Bodenleitlinien vom Inneneingang zu unserem Infostand angebracht. Das physische Beispiel aus unserer Arbeit an barrierefreien Orientierungssystemen verwies direkt auf weiterführende Informationen zum Thema.

Anne Hofmann am Messestand von Include mit Präsentationsbildschirm und Bodenleitlinien
Detailaufnahme des Messestands von Include mit Informaterial

Unser Infostand gab Auskunft zu unserer Initiative, der Möglichkeit von privat geführten Rundgängen über den Campus WU und stellte auf einem Präsentationsbildschirm verschiedene weitere Anwendungsbeispiele für Inclusive Orientation Design vor.

Eröffnung des Inklusionstages durch Moderatorin
Katharina Hölzl von Include im Gespräch mit gehörlosen Interessierten

Über 400 Besucher_innen nahmen am Inklusionstag teil. Wichtigste Möglichkeit des Austausches waren die vielen einzelnen Gespräche mit verschiedensten Interessierten – oft unterstützt durch persönliche Assistenz, wie beispielsweise einer Gehörlosendolmetscherin. Diesen gleichberechtigten Zugang zu Informationen auch an allen anderen Tagen selbstverständlich zu machen, ist die Essenz der Initiative Include.

Inklusionstag

17. November 2014

“Miteinander arbeiten ohne Barrieren” ist das Motto des heuer zum 2. Mal stattfindenden Österreichischen Inklusionstag. In der Messe Wien wird dieser Tag als „Marktplatz der Informationen und der Möglichkeiten“ gestaltet. Einerseits finden mit  Vorträgen und Workshops informative Programmpunkte statt, andererseits stehen den Besucher_innen serviceorientierte Angebote zur Verfügung – in Form von Messe- und Infoständen sowie durch einen intensiven Erfahrungsaustausch. 

Wir sind mit dabei – und präsentieren die Initiative, sowie ausgewählte Arbeiten zu Barrierefreiheit. Eine Führung entlang des Leitsystems am Campus der Wirtschaftsuniversität Wien veranschaulicht den fairen Zugang zu Information als wichtigen Schritt in die Arbeitswelt. Anmeldung für die Tour am 17.11.2014 um 14.30 Uhr direkt am Messestand von INCLUDE oder schon im Vorfeld auf office@include-initiative.org!

Link zu Anmeldung und Programm

Wir sind die Intiator_innen der Netzwerkplattform INCLUDE. Unsere tägliche Arbeit an konzeptioneller visueller und räumlicher Gestaltung, die immer Designlösungen für ein gleichberechtigtes Miteinander sucht, hat unterschiedliche Standpunkte zu einer gemeinsamen Vision geformt. Einen digitalen Ort, an dem Anstoß gegeben wird, Inklusion wahrhaftig zu leben.

Wir möchten den Blick für Bedürfnisse schärfen, die zu wenig wahrgenommen werden. Wir wollen das Ungehörte und das Unerhörte herausfordern. Wir rufen das gemeinsame Gestalten einer Zukunft aus. Und: Wir laden Dich herzlich ein, Teil dieser Initiative zu werden.

INCLUDE

Oder auch universelles Design, ist ein internationales und marktorientiertes Design-Konzept, dass seinen Ursprung in den USA hat. Sämtliche Produkte, Umgebungen, Prozesse und Dienstleistungen, die nach diesem Konzept gestaltet wurden sind, können von vielen Menschen ohne weitere Anpassungen oder Spezialisierung genutzt werden.

Seit den Sommerspielen 1992 in Barcelona werden sowohl die Olympischen als auch die Paralympischen Spiele in den selben Sportstätten ausgetragen. Das „zwingt“ die Ausrichtenden, die Sportstätten bereits barrierefrei zu errichten oder kurzfristig zu adaptieren, denn ein Umbau ist in der kurzen 3-wöchigen Pause zwischen Olympischen und Paralympischen Spielen nicht möglich. Für Russland stellt sich die Frage ob Sotschi ein Leuchtturm-Projekt mit Leuchtkraft für eine ganze Nation wird, oder ob der Leuchtturm am Schwarzen Meer bald für immer erlischt?

Im Rahmen des Observers Programme des Internationalen Paralympischen Komitee (IPC) hatte der Autor die Möglichkeit die Winterspiele in Sotschi zu besuchen und so hinter die Kulissen des Großevents zu blicken. In zahlreichen Workshops und Besichtigungen konnte so ein guter Eindruck von der Arbeit des Organisationskommittees gewonnen werden. Betrachtet wurde die Veranstaltung in Hinblick auf die Infrastruktur. Vorweg: Von Seiten der Offiziellen, der Athlet_innen und der Zuseher_innen war Sotschi, vor allem hinsichtlich der Barrierefreiheit ein voller Erfolg! Doch warum war die Zufriedenheit so groß?

Piktogramm Rollstuhlfahrer

Barrierefreier „Ausnahmezustand“: Paralympische Spiele
Die Paralympischen Spiele stellen an die Organisation und die Infrastruktur hohe Anforderungen. Im Vergleich zu anderen Großveranstaltungen ist hier von einem erhöhten Aufkommen von Menschen mit Behinderung auszugehen. Dies sind Athlet_innen, Zuseher_innen, Offizielle, etc. was in allen Bereichen — Transport, Verpflegung, Unterbringung, Veranstaltungsstätten, uvm. — zu berücksichtigen ist. Gängige Rechenschlüssel, wie zum Beispiel für barrierefreie Zuschauerplätze, die in der ÖNORM B 1600 vorgegeben werden, müssen daher adaptiert werden, um entsprechend viele Plätze anbieten zu können. Die Zuständigen des IPC haben in diesem Bereich große Erfahrungswerte und somit ein hohes Maß an Wissen angesammelt, welches gerne im Vorfeld an die künftigen Ausrichtenden weitergegeben wird. Das sichert die Qualität und den reibungslosen Ablauf der Paralympischen Spiele. War in den Anfangsjahren die Betrachtung nur auf die Veranstaltungsstätten limitiert, so wurde früh erkannt, dass die Planung einer inklusiven Umwelt vor allem in den Austragungsstätten von großer Bedeutung ist. So wird der Standard für die Bevölkerung vor Ort gehoben und ein breites Publikum kann an der Veranstaltung teilnehmen. Plakativ formuliert, wird mit der Betrachtungen beim Aussteigen auf die Fluggastbrücke begonnen und endet beim Sitzplatz in der Arena.

Barrierefreiheit und Qualitätsmanagement
Wichtig ist es, diese Betrachtungsweise auch in kleinerem Maßstab bei jeder anderen Veranstaltung oder jedem Bauprojekt anzuwenden. Beeindruckt hat vor Ort das Qualitätsmanagement bereits in der Planungs- und Bauphase der neu zu errichtenden Infrastrukturmaßnahmen. Viel Erfahrung und Know-How konnte von den Paralymics in London übernommen werden. Es wurden Strukturen entwickelt die im Speziellem das Qualitätsmanagement hinsichtlich Barrierefreiheit im Auge hatten. Für jedes Projekt war eine Person für die Einhaltung der Standards verantwortlich. Diese wurden sowohl in der Planungsphase als auch in der Bauphase regelmäßig überprüft. Denn die Erfahrung zeigt, dass es nicht ausreicht Planer_innen an die geltenden technischen Standards zu binden.

Planung und Kosten
Das Wissen um die richtige Planung und Ausführung ist nicht immer gegeben oder die geltenden Standards kommen schlichtweg nicht zur Anwendung. Die Überprüfung bereits im Planungsstadium sichert einen hohen Qualitätsstandard. Zudem ist dann der Kostenanteil für barrierefreie Planung im Vergleich zu den anfallenden Gesamtkosten vernachlässigbar gering!

Barrierefreier „Umgangston“ und Schulung
Neben der „Hardware“ muss auch die „Software“ optimiert werden. Bei Veranstaltungen ist man oft auf organisatorische Maßnahmen angewiesen, um bestimmten Personengruppen Hilfestellung zu ermöglichen. Gerade die unterstützende „Software“, wie Volunteers, Kassapersonal, uvm. ist enorm wichtig für den richtigen Umgang mit Personen mit Behinderung und dem Gelingen der Veranstaltung. Auf die Schulung und Sensibilisierung des Personals wurde daher großer Wert gelegt. Die Transportpersonal wurde vor den Olympischen Spielen, und als Auffrischung auch vor den Paralympischen Spielen, im Umgang mit Personen mit Behinderung geschult. Alle Fahrenden wurde in der Bedienung der zur Verfügung stehenden Hilfsmittel unterwiesen und konnte allfällige kleine Reparaturen selbst durchführen.

Barrierefreie Anreise
Für einen reibungslosen Ablauf der Veranstaltung ist ein gut organisierter Transport aller Beteiligten essentiell. Dies gilt für die Anreise ins Austragungsland, den Transport in die Austragungsstadt, den Transport zu den Sportstätten sowie dem allgemeinen Transport in der Austragungsstadt. Für Sotschi wurden die möglichen Einreiserouten zum Event untersucht und mit den Flughäfen in Moskau und Adler die zwei Haupteinreiserouten definiert. Die Flughäfen wurden demnach in Zusammenarbeit mit internationalen Experten auf ihre Barrierefreiheit geprüft und in einem mehrstufigen Verfahren Mängel und Verbesserungsvorschläge sowie deren Umsetzungszeitraum festgelegt.

Golfcart als Transportmittel für Rollstuhlfahrer

PKW- und Bus-Transport
Der weitere Transport wurde zum Hauptteil mittels Bussen bewerkstelligt. Im Zuge der Paralympics standen hierfür 963 Busse auf 72 Routen, 166 Minibusse und eine PKW-Flotte zur Verfügung. Die Busse wurden aus der Region Moskau, aus Tatarstan und St. Petersburg zusammengezogen. Unterscheidbar waren diese neben den unterschiedlichen Bustypen auch durch das unterschiedlich farbige Branding. Beachtlich aus Sicht der Barrierefreiheit ist die enorme Zahl an Bussen und Minibussen mit Rollstuhlplätzen: 327 Busse mit je 1 Rollstuhlplatz, 70 Busse mit je 3 Rollstuhlplätzen, 30 Busse mit je 5 Rollstuhlplätzen zum Mannschaftstransport, 72 Minibusse mit je 3 Rollstuhlplätzen und 22 Minibusse mit je 1 Rollstuhlplatz. In der kurzen 3-wöchigen Pause zwischen Olympischen Spielen und Paralympics wurde eine große Anzahl von Bussen von 3 Rollstuhlplätzen auf 5 Rollstuhlplätze umgebaut. Das notwendige Material sowie Personal war vor Ort, um den Umbau rasch durchzuführen. Die Erfahrung der Verantwortlichen ist, dass bei den Einstiegshilfen vorzugsweise wartungsextensive mechanische Systeme zur Anwendung kommen sollten, da bei einem Ausfall eine schnelle Reparatur essentiell ist, um Engpässen beim Transport vorzubeugen.

Transport im Olympischen Park
Im Olympischen Park, im Coastal Cluster, kamen auf Grund des weitläufigen Geländes adaptierte Golfcarts zum Einsatz. Die Zuschauer_innen wurden von verschiedenen Haltstellen am Gelände zu den einzelnen Sportstätten chauffierten. Das Angebot stand nicht nur Personen mit Rollstuhl zur Verfügung, sondern auch anderen Personengruppen wie z. B. Senior_innen, sodass eine Vielzahl von diesem Service profitierte. Eine Besonderheit stellte der Transport im Mountain Cluster (Ski und Nordische Bewerbe) dar. Erschlossen mittels zweier barrierefreier Seilbahnen mit einer Beförderungskapazität von 2.000 Personen pro Stunde. Die Kabinen waren auch für Rollstuhlfahrer_innen ausgelegt. Von der Bergstation wurden die Menschen mit Behinderung dann mittels Shuttleservice zu Drop-Off-Points im Nahbereich der Sportstätten gebracht.

Orientierung im Olympischen Park
Bei der Orientierung im Olympischen Park wurden blinde Menschen von Volunteers unterstützt. Das weitläufige Gelände und die langen Distanzen von den Eingängen des Geländes zu den Sportstätten, die Sicherheitskontrollen und andere Hindernisse waren in dieser Art schnell und ohne sich zu verirren zu bewerkstelligen. Für sehbehinderte wurde ein optisch und taktiles Bodenleitsystem installiert. Dieses führte von den Eingängen, zur Plaza mit dem Olympischen Feuer und dann weiter zu den Sportstätten. Die drei in gelber Farbe aufgebrachten Kaltplastiklinien waren gut zu ertasten und mit dem entsprechenden Kontrast zum Unterboden auch visuell gut erkennbar. Überdimensionale Pylone bildeten sowohl für das Bodenleitsystem als auch für die visuelle Orientierung die Abzweigpunkte zu den Sportstätten. Information wurde auf diesen temporär errichteten Informationsträger rein visuell dargeboten. Auf taktile Information wurde verzichtet. Internationale und nationale Experten empfahlen den Transportservice für blinde Zuschauer_innen. Wichtige Gestaltungselemente wie Schriftgröße, Schriftart oder Positionierung der Information am Informationsträger wurden großteils gut gelöst. Lediglich das Farbleitsystem offenbarte ein Problem, das oftmals auftritt: Bei vielen unterschiedlichen Zielen ist die Anzahl der klar unterscheidbaren Farben begrenzt. Zudem kommt, dass die Farben in einem eindeutigen Kontrast zum Hintergrund stehen müssen, um die Lesbarkeit zu gewährleisten. So wurde im Fall einer Sportstätte für das Leitsystem die unzulässige Farbkombination von Weiß und Gelb gewählt.

Detailaufnahme Pylon
Pylon mit Leitlinie

Orientierung mittels elektronischer Hilfsmittel
In Sotschi installierte man die „sprechende Stadt“. In Kooperation mit der All Russia Association of the Blind, wurde ein elektronisches System entwickelt, dass Blinde und Sehbehinderte bei der Orientierung unterstützt. Dabei werden an Gebäudeeingängen, Busstationen, Bussen, etc. Radiotransmitter angebracht, die orts- und objektspezifische Informationen aussenden. Befindet sich die sehbehinderte oder blinde Person im Sendebereich des Transmitters, erhält sie auf ihren Empfänger ein Hinweissignal auf dieses Objekt. Durch bestätigen des Signals kann die Information abgerufen werden. So z. B. „Bus 5 in Richtung Olympischer Park fährt ein“ oder „Sie befinden sich am Eingang zum Olympischen Park“. Dieses orts- und objektspezifische Orientierungssystem kam in Sotschi an Ampeln, Busstationen und in Bussen zum Einsatz und wird ebenfalls in den öffentlichen Verkehrsmitteln in St. Petersburg eingesetzt. Systeme ähnlicher Art, die auf unterschiedlichsten Sende- und Empfangstechnologien basieren, werden in den letzten Jahren vermehrt untersucht und auf ihre Praxistauglichkeit getestet. Spannend ist welche Technologien sich auf längere Sicht behaupten werden.

Über den Schnee wandeln
Die barrierefreie Erschließung der Sportstätten im Freien stellte eine große Herausforderung dar. Die Wege von den Drop-Off-Points im Mountaincluster zu den barrierefreien Plätzen, den Bereichen für Athlet_innen und Presse wurden als Stegsystem oberhalb der Schneedecke errichtet. Das „venezianische Hochwasserwegenetz“ konnte von allen Personengruppen mit Behinderung unabhängig ihrer Akkreditierung und Funktion genutzt werden. Unüblich bei Großevents wie diesem, mit verschiedensten Sicherheitszonen und Akkreditierungen, jedoch sinnvoll, da so eine Optimierung des Wegenetzes erfolgte. Das Stegsystem wurde direkt am Boden und nicht auf der Schneedecke aufgestellt, um Setzungen zu vermeiden. Mit einem speziell ausgewählten rutschhemmenden Gummibelag belegt, konnte das Stegsystem leicht von Schnee und Eis gereinigt werden und war so permanent nutzbar. Auch für Sehbehinderte und Blinde, da die Stege an den Seiten hochgezogen wurden, um so eine Orientierung mit dem Blindenstock zu ermöglichen. Der Hochzug sowie der Gummibelag waren kontrastierend ausgeführt. Neben den Tribünenplätzen wurde auf diese Weise sämtliche Serviceinfrastruktur, wie z. B. Sanitäreinheiten, erschlossen. Selbst Observer aus Norwegen, der „Langlaufgroßmacht“, waren begeistert vom hohen Standard der barrierefreien Erschließung für alle Personengruppen.

Fazit
Aus Sicht der Barrierefreiheit war Sotschi 2014 eine gelungene Veranstaltung. Ob die hervorragenden Planungsmaßnahmen auch andere russische Regionen erreichen werden, bleibt offen. Fest steht jedoch, dass eine intensive Betrachtung des Themas und ein entsprechendes Qualitätsmanagement bei jeder Planung erforderlich ist. Eine Zusammenfassung der Maßnahmen für die Barrierefreiheit für Sotschi 2014 kann im unter diesem Link heruntergeladen werden.

Das buero bauer hat über 3 Jahre intensiv ein integrales Orientierungssystem erarbeitet und so ein Best Practice Beispiel für Inclusive Orientation Design geschaffen. Auch nach Abschluss des Großprojekts ist die Auseinandersetzung noch nicht abgeschlossen: Führungen durch den Campus geben Interessierten Einblick in die Herausforderungen nutzungsorientierter Planung und Gestaltung nach dem 2-Sinne-Prinzip.

Die erste Führung durch Campus WU mit Fokus auf das Leit- und Orientierungssystem fand anlässlich der Architekturtage in Wien, am 16. Mai 2014, statt. Die Architekturtage ermöglichen österreichweit Einblick in spannende Bauprojekte und architekturrelevanten Themen. In Wien widmet sich der ‚Fokus Großprojekt: Campus WU‘ dem großflächigen Bildungsneubau im Prater.

Architektur am Campus

Über Inclusive Orientation Design
Inclusive Design bietet Gestaltungslösungen an, die die Minderheiten ebenso wie die Mehrheiten gleichzeitig und gleichwertig adressieren. Blinde werden ebenso wie Seh-, Hör-, Mobilitäts- oder sprachlich Eingeschränkte Menschen adäquat angesprochen. Gerade auf einem Universitätscampus, wo der uneingeschränkte Zugang zu Wissen im Mittelpunkt steht, wurde dieser Designgrundsatz konsequent angewendet. Ziel des Neubaus war unter anderem, die Zahl der eingeschränkten Studierenden mit speziellen Bedürfnissen weiter zu erhöhen.

Dieser Anspruch wurde mit einer intelligenten Kombination aus analog, digital, taktil und akustisch erfahrbaren Medien für alle Sinne eingelöst.

Signifikante Architektur und Farben
Der neue Campus WU im Wiener Prater bietet mit rund 100.000qm Nutzfläche und den Gebäuden von sechs international renommierten Architekturbüros viel Raum für Lehre und Studium. Die übergreifende Klammer ist ein barrierefreies Orientierungssystem, das mit mit eindeutigem Farb- und Nomenklatursystem durch Freiraum und Parkgarage bis in die einzelnen Hörsäle, Seminar- und Projekträume, Departments und Bibliotheken leitet.

Lageplan vom Campus

Eine Norm, die Alternativen braucht
Wer ein Orientierungssystem ganzheitlich und in größerem Zusammenhang denkt, stößt gleich zu Anfang auf die Vorgaben der Normen. Das Piktogramm für Rollstuhlfahrer_innen in der aktuellen ÖNORM wird dem Inclusive Design-Gedanken nicht gerecht, es zeigt die Person ganz entgegen einer respektvollen Gleichbehandlung inaktiv und stigmatisiert. Die Person wird anonym, statisch und hilflos dargestellt, ganz das Gegenteil eines respektvollen Umgangs auf Augenhöhe. Daher wurde für den Campus WU das Zeichen im Gedanken des Inclusive Design überarbeitet, d. h. inhaltlich und formal verbessert. Das Ergebnis ist ein aktiver Rollstuhlfahrer, der entspannt, selbstbewusst und selbstständig agiert.

Erwin Bauer erklärt das Piktogramm

Zwei-Sinne-Prinzip
Alle medialen Anwendungen am Campus WU folgen dem Zwei-Sinne-Prinzip: zumindest zwei Sinne werden alternativ zum fehlenden Sinn, der die Informationsaufnahme einschränkt, angesprochen. Für blinde und seheingeschränkte Menschen wurde dabei ein lückenloses System mit taktiler Braille- und Pyramidenschrift sowie Leitlinien geschaffen.

Test der Audioausgabe

Alle Informationen auf den Digital Door Displays können nicht nur visuell, sondern auch akustisch abgerufen werden. Es reicht eine einfache Touchgeste, um sich den aktuellen Screen vorlesen zu lassen. Auch die Infoterminals entsprechen der Barrierefreiheit: sie sind mit einem Rollstuhl unterfahrbar, ausgestattet mit einem Audiomodus und darüber hinaus erhöht ein Kontrastmodus die Lesbarkeit durch die Reduzierung der Farben auf Schwarz und Gelb.

Leitlinien mit Blindem Besucher
Gruppendiskussion am Campus

Einladung zur Diskussion
Auch nach Abschluss des Großprojektes besteht großes Interesse an der Entwicklung des komplexen Leit- und Orientierungssystems. Das zeigt auch das spannende Medienecho, wie z. B. in der Wiener Stadtzeitung Falter, in Architektur & Bauforum, auf dem Barrierefreiheitsblog der DER ZEIT oder im selbstinitiierten Test der Online Plattform BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben.

Für das buero bauer ist es wichtig, mit Interessierten in Diskussion zu treten und persönlich Fragen zum Thema zu besprechen. Für Hintergrunddetails über die Entwicklung oder eine individuelle Führung über den Campus steht das Team gerne zur Verfügung.

Jeder Mensch ist der Mittelpunkt seines eigenen Universums, für jeden Menschen kreist die Welt um diese Wahrnehmung.

Cay von Fournier

Jeder Mensch lebt in seiner eigenen Um-Welt und somit ist Orientierung immer individuell. Erst durch die Wahrnehmung der Umwelt entsteht eine persönliche Sicht auf die Dinge. Dies wiederum führt dazu, dass jeder Mensch in einer ganz eigenen und individuelle Welt lebt. Die Menge der Informationen, die einen Menschen umgibt, wird an das Gehirn weitergeleitet und von dort prozentual auf die Sinnesorgane verteilt. Über das Sehen werden nahezu 75 % aller Informationen aufgenommen. Über das Hören 12 % und das Tasten 7 %. Die Relevanz des Sehsinns ist ein Erbe unserer früheren Vorfahren: Das Sehen ermöglicht es, Gefahren aus großer Entfernung zu erkennen.

 

Christian Lunger, Markus Scheiber: Orientierung auf Reisen. Touristische Leitsysteme, DOM publishers, Berlin 2009, Seite 25.