Wir sind die Intiator_innen der Netzwerkplattform INCLUDE. Unsere tägliche Arbeit an konzeptioneller visueller und räumlicher Gestaltung, die immer Designlösungen für ein gleichberechtigtes Miteinander sucht, hat unterschiedliche Standpunkte zu einer gemeinsamen Vision geformt. Einen digitalen Ort, an dem Anstoß gegeben wird, Inklusion wahrhaftig zu leben.

Wir möchten den Blick für Bedürfnisse schärfen, die zu wenig wahrgenommen werden. Wir wollen das Ungehörte und das Unerhörte herausfordern. Wir rufen das gemeinsame Gestalten einer Zukunft aus. Und: Wir laden Dich herzlich ein, Teil dieser Initiative zu werden.

INCLUDE

Florian Szeywerth ist angehender Architekt beim Österreichischen Institut für Schul- und Sportstättenbau. Sein Arbeitsfeld konzentriert sich auf die Planung von barrierefreien Sportstätten und Bildungsbauten. Besonders interessieren ihn Lösungen, die funktionell, innovativ und erfahrbar für ein möglichst breites Spektrum an Nutzer_innen sind.

Was motiviert dich zu deiner Arbeit und was ist dabei dein Interessensschwerpunkt?
Motivation ist immer wieder etwas Neues zu entdecken und auszuprobieren. Ich habe das Glück in meinem Arbeitsumfeld verschiedenste Schwerpunkte zu verfolgen, in denen ich meine Entdeckungsreisen unternehmen kann. Von allgemeinen Bereichen wie Architektur und Design sowie Sport und Bildung bis zu spezielleren Themen wie Entfluchtung von Gebäuden und Design for All.

Was findest du an der Thematik des Inclusive Designs spannend?
Dass oftmals mit ganz einfachen Mitteln und intelligenter Planung ein Mehrwert für sehr unterschiedliche Nutzer_innengruppen geschaffen werden kann.

Wo finden Innovationen statt, die dich in deinem Tun inspirieren?
Interessant ist, dass wir Zugang zu so vielen unterschiedlichen Informationsquellen haben die weltumspannend sind – und damit auch zu den Innovationen die anderswo stattfinden. Ich will dabei immer möglichst viele thematisch unterschiedliche Quellen anzapfen. So sind z. B. neue Innovationen aus dem Sportausrüstungsbereich auch für den alltäglichen Gebrauch von Menschen mit Behinderung interessant. Oder so kann beispielsweise vom Umgang mit den beengten Raumressourcen in den Großstädten Japans viel über Raumorganisation und die Gestaltung der Einrichtung gelernt werden.

Flo Szeywerth in einem Kimono in Japan

Du bist ja durch deine japanische Ehefrau stark mit dem Land verbunden — in wie fern wird dort mit dem Thema Inklusion umgegangen?
Japan ist das Industrieland mit der kopflastigsten Alterspyramide. Dem entsprechend präsent sind auch ältere Menschen im Alltag. Beeindruckend ist für mich dabei immer wieder, wie viele ältere Menschen vor allem in kleineren, vermeintlich „unwichtigen“ Jobs wie als Einweiser_in auf einem Parkplatz etc. berufstätig sind. Das diese Stellen nicht wegrationalisiert werden zeigt, dass älteren Menschen, auch kulturell bedingt, ein hoher Respekt entgegengebracht wird.

Ein respektvoller Umgang ist meiner Meinung nach ein wichtiger Schlüssel zum Thema Inklusion.

Florian Szeywerth

Was sind die markanten Unterschiede hinsichtlich Inclusive Design zwischen Japan und Österreich, was können wir noch lernen?
Die hohe Servicequalität im Alltag ist der markanteste Unterschied. Neben allen speziellen baulichen und einrichtungstechnischen Maßnahmen, wie z. B. taktilen Bodenleitsystemen, taktilen Plänen etc., die fast durchgängig in einer hohen Qualität umgesetzt werden, ist die alltägliche wertschätzende Kommunikation der größte Pluspunkt! Um Hilfe fragen macht auch als Tourist_in ohne Kenntnis von den Schriftzeichen, der Sprache und den kulturellen Geboten Spaß. Du wirst dafür nie verachtende Blicke ernten, in ein ang’fressenes G’sicht schauen oder abserviert werden … für alle eine Wohltat im Miteinander.

In welcher Situation oder an welchem Ort fühlst du dich am wohlsten?
Ortsunabhängig beim Blödeln und Spaß haben mit meiner Familie!

Was wünscht du dir von deinen Mitmenschen?
Positive und interessante Kommunikation.

Welchem Symbol würdest du dich instinktiv zuordnen?
Dem Auge, da ich gerne beobachte, um so mehr über meine Umwelt zu erfahren.

Ursula Spannberger ist Architektin, Mediatorin und Entwicklerin der nutzungsorientierten RAUMWERT-Analyse. Ihr Büro in Salzburg beschäftigt sich mit partizipativer Qualitätssteigerung von Architektur. Dabei werden in Gruppenarbeit die betreffenden geplanten oder gebauten Räume untersucht und auf das persönliche Befinden und die Bedürfnisse der Nutzer_innen kooperativ optimiert.

Wie lässt sich Ihr Arbeitsfeld an der Schnittstelle Architektur und NutzerInnen beschreiben? Welches Anliegen und welche Motivation steckt hinter Ihrer Arbeit als „Raumwert-Analytikerin“?
Mein Anliegen ist Empowerment, raus aus der Opferhaltung – rein in die Eigenverantwortung! Aus der Erkenntnis, dass Raum auf uns alle wirkt und nach meiner Überzeugung, dass jede/r das für sich spüren kann, kam der Wille, diese Wirkung für Menschen aktiv nutzbar zu machen und ihnen mit einer neu entwickelten Methode ein Werkzeug und eine Sprache dafür zur Verfügung zu stellen. Im Sinn von ‚form follows function’ — Form folgt der sozialen Funktion!

RAUM.WERTanalytiker_innen sind alle, jede/r einzelne, nicht nur ich!

Ursula Spannberger

Weil der RAUM.WERT nicht objektiv bestimmt werden kann, er ist immer subjektiv. Deshalb kann darüber auch nicht gestritten werden, so wie über beispielsweise Schönheit. Aber man kann sich gemeinsam über Bedürfnisse abstimmen. Quasi als Nebenprodukt ergeben sich Veränderungen und Entwicklungen in den Beziehungen untereinander, die z. B. für Unternehmen in Change Management Prozessen genutzt werden können. Mit Großgruppenmethoden aus der holistischen Organisationsentwicklung ist diese Abstimmung auch für eine sehr große Anzahl von Menschen individuell und gemeinsam möglich. Menschen, die sich mit ihren Anliegen und Bedürfnissen gehört und wahrgenommen fühlen, sind viel eher bereit, auch Kompromisse zu machen oder (finanzielle) Grenzen zu akzeptieren. Meine Motivation für diese Arbeit ist die Freude, die Menschen haben, wenn sie — endlich — gefragt werden und soziale Nachhaltigkeit das gemeinsame Ergebnis ist.

Was sind typische, exemplarische Aufgaben bzw. Projekte, mit denen Sie sich konfrontiert sehen?
Ich arbeite auf allen Gebieten, die mit Raum und seiner Veränderung zu tun haben, von der kleinsten Wohnung über Gebäude für Unternehmen oder Bildungsbauten bis hin zu städtischen Außenräumen. Exemplarisch möchte ich das ICT&S Center der Universität Salzburg, den Schulcampus Neustift im Stubaital mit der Zusammenlegung von drei Volksschulen, einer Neuen Mittelschule, einer Schihauptschule und einem Internat an einem neuen Standort sowie das Konferenzzentrum von Infineon in Villach nennen.

Architekturbeispiel Infineon Villach

Sie arbeiten mit Tools unterschiedlichster Methodiken und haben zusätzlich 9 Parameter zur Raumwertanalyse festgelegt. Wie lassen sich diese beschreiben?
Sie sind ein Hilfsmittel dafür, sich in Alltagssituationen hineinzuversetzen, den eigenen Bedürfnissen an den Raum nachzuspüren, diese dann zu formulieren und mit den anderen Nutzer_innen der Räume zu verhandeln. Die einzelnen RAUM.WERTE sind nicht streng voneinander abgegrenzt, sie spiegeln sich in anderen wider und können so von verschiedenen Seiten beleuchtet, auf verschiedene Tätigkeiten hin abgeklopft werden. Beispielsweise hat der Raumwert 2 (RW), „Orientierung und Übersichtlichkeit“ auch Aspekte in RW5 „Weglängen und Wegqualitäten“, eventuell aber auch in RW9 „Selbstbild/Fremdbild“ anhand der Fragestellung „Wie komme ich zu dem Gebäude des Unternehmens, in dem ich arbeite? Wie wirkt es nach außen? Heißt es mich und andere willkommen? Wie bewege ich mich darin?“

Diskussionsgruppe

Am Ende einer Analyse steht ein räumlicher Qualitätskatalog — wie wird dieser entwickelt und wie findet er konkret Umsetzung?
Der räumliche Qualitätenkatalog wird von uns aus den Ergebnissen des ersten und zweiten Großgruppenworkshops (und allem, was in diese hineinspielt, z. B. Erkenntnisse aus Exkursionen, etc.) „destilliert“ und danach noch einmal mit der Steuerungsgruppe abgestimmt. Er besteht aus einem textlichen Teil, der über räumliche Qualitäten und Zusammenhänge informiert und einem klassischen Raumprogramm in Form einer Tabelle mit m2-Erfordernissen (meist von — bis …). Der Katalog ist dann Grundlage und Briefing für die eigentliche Planung, sei es als Direktauftrag oder mittels Wettbewerb. Er dient für die Nutzer_innen auch immer wieder als Rückversicherung und Referenz auf das, was sie brauchen und sich gewünscht haben. Damit können sie den ihnen präsentierten architektonischen Entwurf immer wieder gegenchecken.

Wie lässt sich Ihre gedankliche Klammer, die Inklusion, als selbstverständliche Haltung eines Miteinanders in eine breitere Öffentlichkeit bringen?
Durch Workshops, Nachdenken, Gespräche, selbst Erleben, z. B. in Form der Sensibilisierungsworkshops, die meine Kollegin Monika Schmerold, die selbst einen Rollstuhl braucht, anbietet.

Sie sind gebürtige Dänin — und dem europäischen Norden wird ja generell eine fortschrittlichere Haltung sowohl im Umgang mit Inklusion als auch in der Gesetzeslage attestiert. Gibt es konkret Dinge, die Sie dort als vorbildhaft bezeichnen würden?
Oh ja! Beispielsweise im Schulbau, da haben wir viele anregende und erfreuliche Beispiele! Ich freue mich schon sehr auf die anstehende Exkursion Ende August nach Kopenhagen und den geplanten Austausch mit unseren Kolleg_innen von loop.bz, mit denen wir dort Schulen besichtigen werden.

➙ Link zu Raumwert

Helmut Schachinger ist Geschäftsführer des Dialog im Dunkeln Wien. Die Erlebnisinstallation im Schottenstift lässt in Formaten wie Ausstellungen, Dinner im Dunkeln, Die Führung hinters Licht, Events im Dunkeln Blinde und Sehende die Rolle tauschen. Die Führungen und Veranstaltungen wollen Verständnis für jene Menschen schaffen, die die Welt auf ihre ganz eigene Art und Weise sehen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den unterschiedlichen Teammitgliedern in der Konzeption und Abwicklung von Formaten, wie sie im ‚Dialog im Dunkeln‘ produziert werden?
Die einzige Trennung zwischen sehenden, sehbeeinträchtigten und blinden Menschen findet in der Arbeitsaufteilung zwischen Ausstellungsführung und im Service statt. Alle Tätigkeiten im Dunkeln werden ausschließlich von unseren blinden und sehbehinderten Mitarbeiter_innen durchgeführt. Alle anderen Tätigkeiten werden gemeinsam gemacht, dazu zählen die Aufgaben an der Kassa, im Informationsbereich und auch die organisatorischen Aufgaben sind gleichmäßig verteilt. Alle machen alles.

Wie bist du eigentlich zum ‚Dialog im Dunkeln‘ gekommen?
Die erste Ausstellung zu diesem Thema fand 1993 im Naturhistorischen Museum in Wien statt. Ohne zu wissen was mich erwartet, habe ich mich vom damaligen Leiter durch die Ausstellung führen und alles erklären lassen. Nach dem ich Interesse gezeigt hatte, sollte ich den Leiter spontan selbst durch die Ausstellung führen. Nach der Hälfte der Ausstellung meinte er zu mir: „Morgen um 9 Uhr ist Dienstbeginn.“ Das war meine Einschulung. Danach hat sich alles Weitere ergeben.

Heute legen wir besonderen Wert auf die Qualität, das heißt maximal acht Personen pro Führung. Die Menschen versuchen alle die Nähe der anderen Menschen zu finden, um nicht das Gefühl der Verlorenheit zu spüren und um so größer die Gruppe ist, desto schwieriger wird es für alle Beteiligten.

Welche Reaktionen bekommt ihr von euren Gästen? Äußern sich die Gäste oft gleich nach einer Ausstellungsführung oder eher zu einem späteren Zeitpunkt?
Beim Dinner im Dunkeln werden Fragen während des Essens gestellt. Unsere Gäste hinterlassen oft ihre Meinungen in unserem Gästebuch — dort lesen wir sie dann nach. Nach den Führungen durch unsere Ausstellung stehen wir oft noch mit unseren Besucher_innen draußen und plaudern ein wenig und beantworten ihre Fragen. Oft kommen persönliche Fragen zu uns, oder sie wollen alltagspraktische Beispiele erklärt bekommen — wie wir Blinde z. B. Geldscheine voneinander unterscheiden können. Es gibt auch oft Gruppen, die nach einer Führung nach draußen gehen und total ruhig sind, die einfach nachdenken und das Geschehen oder das Erlebte wirken lassen.

Außerhalb des ‚Dialog im Dunkeln‘, also im öffentlichen Raum, werde ich oft später noch von Menschen angesprochen. „Hallo Helmut! Ja kennst du mich nicht? Du hast mich mal durch die Ausstellung geführt!“ Mit solchen Momenten muss ich dann natürlich möglichst souverän umgehen — sonst fühlt sich die Person gekränkt, nicht verstanden. Ich versuche durch die Erzählungen zu rekonstruieren welche Person vor mir steht, bisher ist es mir auch immer gelungen einen Anhaltspunkt zu finden. Das ist nicht immer leicht — allerdings mache ich diesen Job schon seit 21 Jahren. Das sind sechs Führungen am Tag, insgesamt täglich 48 Leute, 5 mal die Woche.

Hat es in der Zeit von 21 Jahren einprägsame Erlebnisse mit diversen Reaktionen von Gästen gegeben? Ist es beispielsweise schon mal passiert, dass Besucher_innen die Dunkelheit nicht ausgehalten haben?
Ich habe ungefähr 17 Personen gehabt, die zu Beginn einer Führung wieder umdrehen wollten. Von diesen 17 habe ich 13 oder 14 Personen nach einem kurzen Gespräch im Endeffekt doch durch die Ausstellung geführt, obwohl sie sich zuerst nicht getraut hatten. Die restlichen Personen haben ein vehementes NEIN von sich gegeben — und ein solches muss kompromisslos akzeptiert werden. Mir wurden schon die schlimmsten Geschichten erzählt, z. B. traumatische Erlebnisse als Kind oder Überfälle in einem Park. Solche Dinge. Ich könnte daher durchaus sagen:

Dunkelheit bringt das Verborgene ans Licht.

Helmut Schachinger

 

Holt die Dunkelheit auch die Glückseligkeit hervor?
Es gibt viele Gäste, die freudestrahlend aus einer Führung kommen. Es ist einfach ein außeralltägliches und ungewöhnliches Erlebnis. Viele nennen eine Begegnung mit ‚Dialog im Dunkeln‘ „Urlaub für die Augen“.

Fangen Menschen, die sich nicht kennen, an miteinander in der Ausstellung zu agieren?
In der Ausstellung ja. Die meisten Gäste achten während einer Führung aufeinander, helfen sich und sind für einander da. In dem Moment wo es wieder hell wird, sind sie wieder per Sie und distanziert. Es gibt natürlich auch Besucher_innen, die nach der Ausstellung per du bleiben und noch etwas trinken gehen.

Was sind die drei häufigsten Fragen die euch während einer Führung oder eines Dinners gestellt werden?
Die häufigste Frage ist: „Wer bist du?“ oder „Wer ist das?“ Die häufigste Feststellung, die wir immer wieder zu hören bekomme ist: „Ich seh nix”. Aus diesem Grund haben wir uns genau diesen Satz schützen lassen und uns im Internet die weiterführende Domain www.ichsehnix.at gesichert.

Andere häufige Fragen sind: Wie stark ist die jeweilige Seheinschränkung, wie ist es dazu gekommen und wie wir uns im öffentlichen Raum bewegen oder mit Geld umgehen. Natürlich interessieren auch private Fragen, wie ziehst du dich an, wie gehst du einkaufen. Nach einer Führung gehe ich oft nach draußen und schalte ab. Das ist ein reiner Selbstschutz, weil immer wieder die selben Fragen gestellt werden. Ich muss für die nächste Gruppe voll fit und vorbehaltlos sein. Das sind komplett andere Leute und man muss sich auf diese neue Gruppe einstellen.

Wie präsentiert ihr euch als Firma?
Wir sehen uns als Schnittstelle oder als Anlaufstelle für sehende — nicht für blinde Menschen. Wir wollen unsere Mitmenschen aufmerksam machen, um ein anderes Bild von blinden Menschen zu vermitteln, um zu zeigen, dass blinde Mensch zwar blind sind, aber genauso ihre Qualitäten sowie gute und schlechte Seiten haben, wie die Sehenden auch. Wir leisten da gewissermaßen Aufklärungsarbeit. Manchmal gehen wir mit dieser Arbeit auch hinaus, beispielsweise auf externe Veranstaltungen. Ob für eine Firma oder ein Fest: Da sind wir ganz offen. Wer mit uns in Verbindung tritt, wird sehen, dass spannende Kooperationen möglich sind.

Gibt es Keywords, Schlagworte oder Begrifflichkeiten, die in eurer Welt immer wieder vorkommen?
Es gibt nicht die Formulierung „Auf Wiederhören“. Wir sind da eher provokativ und versuchen in der Ausstellung bewusst optische Beschreibungen zu wählen, um die Leute bewusst darauf zu stoßen. Es haben viele das Problem, die richtige Wortwahl zu finden. Viele meinen: „Ich kann doch nicht ‚sehen‘ sagen, dass ist doch diskriminierend für die blinden Menschen.“ Das ist aber Blödsinn! Ich sage ja auch nicht zu einem Rollstuhlfahrer, wenn ich das Wort „gehen“ aus Rücksicht vermeiden möchte, „Wie rollt es dir?“. Ich frage: „Wie geht es dir?“, „Gehen wir ins Gasthaus?“. Darum bauen wir bewusst optische Redewendungen in unsere Führungen mit ein. „Schau her!“ oder „Hast du mich nicht gesehen?“ Meine Erklärung auf ihr Nachfragen ist dann: „Ich sehe dich auf meine Art und Weise.“

Bestimmte Magic-Words oder Keywords gibt es keine. Ganz im Gegenteil, indem solche Wörter gebraucht werden klingt vieles gekünstelt. Um so vorurteilsloser Mitmenschen einander begegnen, um so besser. Inklusion beginnt dann, wenn gar nicht erst darüber nachgedacht, sondern das Gegenüber einfach wahrgenommen und akzeptiert wird.

In welcher Situation oder an welchem Ort fühlst du dich am wohlsten?
Auf meiner Terrasse. Egal was ist, egal welches Wetter — wenn ich nach Hause komme, setze ich mich mindestens für eine Viertelstunde auf meine Terrasse. Die Terrasse mit dem Blick in den Garten. Auch wenn ich den Garten nicht optisch sehe, weiß ich wo sich welcher Strauch befindet und welcher Gattung er angehört. Ich rieche, wenn ein Strauch blüht und ich gehe öfters im Garten herum und streiche mit meinen Händen über die Sträucher. Wenn ich dann Auswüchse spüre, hole ich gleich die Gartenschere und beschneide die Pflanzen. Die Terrasse ist mein Erholungsort, mein Rückzugsgebiet.

Was wünscht du dir von deinen Mitmenschen?
Weniger Ignoranz. Aber das sage ich nicht nur weil ich blind bin, sondern das gilt generell. Wir haben vor einiger Zeit Projekte wie beispielsweise Tandem-Ausflüge mit Jugendstrafgefangenen gemacht. Nach dem sechsten Ausflug fragte mich ein Strafgefangener: „Sag mal, interessiert dich eigentlich gar nicht warum ich einsitze?“ — Warum sollte mich das interessieren? Wenn du willst, wirst du es mir erzählen und wenn nicht, dann eben nicht. Die Tat musst du mit dir verantworten. Wenn du sie mir erzählen möchtest, höre ich dir gern zu und rede mit dir darüber. Aber ich höre dir als Mensch zu, und nicht als einem, der etwas bestimmtes gemacht hat. Genau das erwarte ich mir von meinen Mitmenschen.

Ich hoffe so, Menschen zum umdenken zu bewegen und sie mit meiner Einstellung zu erreichen. Dann kann ich sagen, dass ich etwas geleistet habe und nicht gejammert habe, wie garstig meine Umwelt ist. Menschen, die immer von der Gesellschaft erwarten integriert zu werden, müssen selbst etwas dazu beitragen. Erst wenn ich mich in die Gesellschaft integriere, hat die Gesellschaft die Möglichkeit mich aufzunehmen und sich durch mich zu erweitern. Was ist ein gegensätzliches Geben — und Wahrnehmen.

Wir arbeiten für unser Projekt mit sechs verschiedenen Symbolen. Welchem Symbol – Auge, Mund, Ohren, Nase, Herz oder Hand – würdest du dich instinktiv zuordnen?
Jetzt muss ich eine doofe Frage stellen: Zeigt die Hand mahnend oder zeigt die auf etwas?

Freundlich hinweisend.
Dann würde ich mich für die zeigende Hand entscheiden.

➙ Link zum Dialog

Die Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen Österreichs berät visuell beeinträchtigte Menschen in Österreich, um deren Lebensqualität im Alltag zu verbessern. Ziel ist die gleichberechtigte Teilhabe sehbehinderter und blinder Menschen in allen gesellschaftlichen Bereichen.

Logo der Hilfsgemeinschaft der Blinden und Sehschwachen

 

Barrierefreiheit

Als gemeinnütziger Verein vertritt die Hilfsgemeinschaft die Interessen ihrer Mitglieder vor allem bei der Umsetzung von barrierefreien Maßnahmen in den Bereichen Architektur, Mobilität, Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), Kultur und Sport. Innovative Projekte wie die Etablierung von Live-Audiodeskriptionen für sehbeeinträchtigte Fußballfans www.football4all.at und Theaterbesucher www.theater4all.eu oder die Gestaltung von barrierefreien öffentlichen Einrichtungen (u. a. das neue Stadion in St. Pölten) wurden bereits realisiert.

Starke Kontraste, große Beschriftungen und gut sichtbare Stufenmarkierungen erleichtern das Auffinden des Sitzplatzes in der NV-Arena in St. Pölten

Durch die Mitarbeit bei diversen Projekten und Initiativen soll ein Zugang zu inklusivem Design für alle Beteiligten ermöglicht werden — für Entscheidungsträger_innen ebenso wie für jene Menschen, die von Inklusion profitieren. Die Expert_innen der Hilfsgemeinschaft arbeiten mit anderen Organisationen in nationalen und internationalen Gremien zusammen, in denen Rahmenbedingungen für Barrierefreiheit geschaffen werden.

In wissenschaftlichen Projekten werden neue Lösungen für barrierefreie Maßnahmen ausgearbeitet, wie z. B. eine optimierte Beleuchtung für sehbeeinträchtigte Menschen. Bei der Entwicklung von Produkten, Dienstleistungen und IKT-Lösungen engagiert sich die Hilfsgemeinschaft uns für die Verbesserung der Benutzerfreundlichkeit und bieten Beratungsleistungen sowie Evaluierungen von Websites an.

Weitere Informationen unter hilfsgemeinschaft.at

Andrea Wahl ist Rehabilitationslehrerin für blinde und sehbehinderte 
Menschen in den Bereichen Orientierung & Mobilität sowie für Lebenspraktische Fähigkeiten.
Sie arbeitet beim Blinden- und Seh
behindertenverband Wien, Niederösterreich und Burgenland.

 

Frau Wahl, wie kommen Sie zu Ihrem Beruf?
Offiziell ist das kein Beruf, sondern eine Zusatzqualifikation. Ich bin ausgebildete Behindertenpädagogin und habe mich auf 
eine Behinderung spezialisiert. Das hat sich durch Zufall ergeben.

Gut, steigen wir doch direkt ins Thema ein. Wie orientieren sich sehbehinderte Kinder im Gegensatz 
zu sehbehinderten Erwachsenen?
Diese Frage kann man eigentlich nur individuell beantworten. 
Alle nutzen eigene Methoden. Und umfassende bauliche Richtlinien, die den Bedürfnissen aller sehbehinderten und blinden Menschen entsprechen, gibt es nicht. Zwar gibt es die Ö-Normen in Österreich, in Deutschland die DIN und für die Europäische Union die EU-Normen, aber dies alles sind nur Empfehlungen, die Architekt_innen und andere nutzen können. Bei Kindern ist zu beachten, dass sie meist in fremder Umgebung unter Aufsicht sind und die räumliche Orientierung von anderen übernommen wird. Kinder gehen ganz spontan mit Situationen um. Meist so, dass die Erwachsenen das für Kinder Offensichtliche 
überhaupt nicht nachvollziehen können. Deshalb kann man auch überhaupt nicht sagen, an was genau sich sehbehinderte Kinder räumlich orientieren. Erwachsene Menschen mit einer Sehbehinderung orientieren sich meist an visuellen Dingen, die sie noch erfassen können. Beson
ders an ganz markant Sichtbarem. Schilder zur Orientierung 
reichen da nicht, das ist meist viel zu wenig. Da geht es um großflächige architektonische Strukturen — beispielsweise einer Säulenwand. Kinder kombinieren, mehr als Erwachsene, alle Wahrnehmungskanäle. Sehbehinderte Erwachsene sind stark auf das Sehen fixiert, Kinder sind oft flexibler. Sie nutzen Hände, Kopf, Augen, Nase, Ohren — alles ohne nachzudenken. Auch geburtsblinde 
Kinder arbeiten von Anfang an mit all ihren Sinnen und entwickeln 
manchmal erstaunliche Fertigkeiten. Erwachsene, die erblinden, vernachlässigen diese Möglichkeit der multisensoriellen Wahrnehmung. Sie beschränken sich meist auf einen Sinn. So nutzen sie zur räumlichen Orientierung beispielsweise entweder taktile oder auditive Leitstrukturen. Menschen, die ihr Sehvermögen im Laufe ihres Lebens verlieren oder dieses dauerhaft eingeschränkt wird, verlassen sich oft auf nur einen Wahrnehmungskanal und müssen erst wieder an die anderen Sinne herangeführt werden. Das ist meine Aufgabe. Nach dem Motto:

Hol den Menschen da ab, wo er/sie steht.

Andrea Wahl

Wo fangen Sie da an? Wie führen Sie diese Menschen wieder näher an ihre anderen Sinne heran?
Da gibt es kein Programm. Das ist ganz individuell und auf jeden Menschen abgestimmt. Ich beobachte. Beispielsweise, wie bewegt sich die Person in bekannter Umgebung, wie in unbekannter? Wie wird mit Begleitung umgegangen? Wie funktioniert die Orientierung alleine? Dann erkenne ich beispielsweise, ob die Person immer nur die Hände einsetzt, nur direkt an Wänden oder festen Begrenzungen entlang geht oder das Gehör mit einbezieht. 
Die meisten blinden, aber auch viele sehbehinderte Menschen gehen anfangs nicht gerne alleine im Freien. Ich beginne in bekannten Räumen, also meist Zuhause bei den Menschen und beobachte, wie sie sich dort orientieren. Von den Fertigkeiten aus, die schon da sind, erarbeiten wir gemeinsam weitere. Worauf kann ich als Designerin achten, wenn ich 
bewusst für seheingeschränkte Menschen im öffentlichen Raum etwas gestalte? Es gibt zahlreiche architektonische Details, die sinnlos erscheinen und bei denen Architekt_innen nur bedingt auf die Funktion achten. 
Das Design steht oft an oberster Stelle. Design ist ja auch ok. Aber man sollte auch an die Nutzbarkeit denken. Kunst und Funk
tionalität, wo ist da die Grenze? Blinde und sehbehinderte 
Menschen erwarten von der Architektur vor allem sichere Nutzbarkeit und Orientierung. Menschen sind stark visuell geprägt. Etwa 80—90 % unserer Wahrnehmung ist mit dem visuellen 
Kortex verknüpft. Auch in den Ö-Normen gibt es Versuche, Angaben zu geeigneten visuellen Darstellungen zu machen. Beispielsweise Angaben zum Schriftbild auf Informationstafeln. Man denkt immer ‚Groß‘, 
aber das stimmt gar nicht. Da bestehen unterschiedliche Bedürfnisse. Es gibt beispielsweise Menschen, die Ausfälle in ihrem 
Gesichtsfeld haben. So wünschen sich Menschen mit starken seitlichen Gesichtsfeldausfällen möglichst kleine Textdarstellungen. 
Diese Menschen sind teilweise visuell so einschränkt, dass sie nur noch wie durch einen Stecknadelkopf sehen. Sie mögen keine großen, für sie unübersichtliche Textflächen. Sie brauchen auch keine großen Buchstaben. Sie hätten lieber alles ganz klein 
geschrieben und am liebsten auf einem kleinen Zettel. Aber Menschen, die eine Visuseinschränkung haben (auch zentral nur 
unscharf sehen können), wünschen sich große und kontrastreiche 
Schriftbilder. Das gilt aber auch wieder für Menschen, deren Gesichtsfeld im zentralen Bereich ausgefallen ist. Dies trifft unter anderem auch auf Menschen zu, die bereits längere Zeit an 
Augenkrankheiten wie ‚Glaukom‘ oder eine ‚Makuladegeneration‘ leiden. Der Anteil an Personen mit zentralen Gesichtsausfällen ist in der Gruppe der sehbehinderten Menschen sehr hoch. Die Ö- und auch DIN-Normen sind Richtlinien und 
meine Aufgabe als Designerin ist es, einen guten Mittelweg 
für alle zu finden.

Können Sie mir sagen, welches die 
häufigsten Augenkrankheiten und die damit verbundenen Sehbeeinträchtigungen sind?
Es gibt zwar häufigere und seltenere Augenerkrankungen, aber dazu gibt es kaum Statistiken und wissenschaftliche Zahlen. Also kann ich nicht sagen, welches die häufigsten Augenerkrankungen sind. 
Und die Augenerkrankung ‚Diabetische Retinopathie‘ ist beispielsweise eine so komplexe Erkrankung, dass man die damit ver
bundenen Sehbeeinträchtigungen nicht umfassend aufzählen kann. Deshalb ist es auch nicht möglich im Detail zu beschreiben, 
was diese Menschen noch sehen können und was nicht. Das ist das Spannende und Traurige zugleich. Visuelle Darstellungen kann man für Menschen mit einer Sehbehinderung nicht für alle passend anbieten, das geht einfach nicht. Der eine sieht so, die andere so. Da gibt es kaum allgemeingültige 
Angaben, wie soll das auch gehen? Eine Sehbehinderung ist 
etwas so Gravierendes und Komplexes, dass man mit fast nichts dauerhaft visuell Wahrnehmbarem dasteht. Und was noch hinzu kommt ist, dass es sich meist um fortschreitende Erkrankungen handelt, die die visuelle Wahrnehmung immer mehr einschränken oder immer komplizierter machen. Bei blinden Menschen ist es einfacher, Angaben zur räumlichen Orientierung zu machen. Visuelles nützt ihnen nichts, da werden dann andere Möglichkeiten genutzt. Allerdings ist der Anteil 
an blinden Personen in der Gruppe der sehbehinderten Menschen der geringste. Die größte Gruppe, die eine Sehbehinderung haben, sind die älteren Menschen. Oft wissen diese das von sich selbst gar nicht. Oder sie wollen sich nicht eingestehen, dass sie schlecht sehen 
oder wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen. Diese Menschen wenden oft die größten Vermeidungstaktiken an. Sie gehen beispielsweise einfach nicht mehr raus.

Welche Anforderungen werden an ein barrierefreies 
Leitsystem gestellt?
Es kommt immer darauf an, wo man sich orientieren will. In fremder Umgebung oder in einem Bereich, der zum Lebensinhalt gehört; wie zum Beispiel die Schule. Sehbehinderte Kinder brauchen z. B. in ihrer Schule kaum aufwändige 
Leitstrukturen. Es sind mehr die Eltern, also wieder die Sehenden, 
die sich Leitstrukturen wünschen. Das Louis Braille Haus gibt es seit 20 Jahren und der Architekt hat 
damals bewusst auf aufwändige visuelle Leitstrukturen verzichtet. 
Es gibt dort aber dennoch Leitstrukturen. Auch ein Leitsystem, an das niemand von uns sehenden Menschen denkt. Das Wichtigste 
und Beste das es überhaupt an Leitstruktur gibt, ist die persön
liche Hilfe. Diese ist aufwändig, teuer und in unseren Köpfen nicht 
als Leitstruktur definiert. Und werden doch visuelle Leitstruk
turen in Räumen verwendet, dann ist z. B. bei der Verwendung von 
Informationsschildern wichtig, dass die Schilder ständig aktu
alisiert, ausgetauscht und gewartet werden können.

Bis zum 31. 12. 2015 sollen alle öffentlichen Gebäude 
barrierefrei gestaltet werden, glauben Sie daran?
In Österreich gibt es immer die österreichische Lösung. Machen sie sich um Österreich keine Sorgen. Da gibt es keine Bestimmungen, 
sondern nur Einzellösungen. Barrierereduzierung ist nicht staatlich geregelt, sondern wird und wurde in die ‚private Schiene‘ 
gesteckt. Und das bedeutet in diesem Fall, wer gerade Zeit und Lust hat oder sich profilieren will.

Wenn es in Österreich keine Bestimmungen für 
Barrierefreiheit gibt, wer kümmert sich dann darum?
In der Ostregion haben sich vier Vereine zusammen getan, die ein Gremium bilden und zumindest versuchen, sich um Barrierefreiheit für sehbehinderte und blinde Menschen zu kümmern. Diese Vereine bemühen sich auch selbstständig um ein Mitspracherecht im Bauwesen. Es kommt jedoch immer auf die Bau
leitung an, darauf, wie viel Geld zur Verfügung steht, welches Prestige ein konkretes Bauvorhaben hat und wieweit dabei überhaupt etwas zum Thema Barrierefreiheit umgesetzt werden 
soll. Barrierefreiheit wird oft zu rasch und nur mit einem kleinen 
Aspekt abgetan; Hauptsache ist, dass die Tür breit genug ist 
und dann wird von Barrierefreiheit gesprochen. Es ist ein reines 
Modewort; diesen Begriff mag ich nicht.

Wie sagen Sie zu Barrierefreiheit?
Barrierereduziertes Bauen, barrierereduzierte Raumgestaltung.

Weil Barrierefreiheit nicht existieren kann?
Ja, es ist völlig unmöglich! Wirklich, völlig unmöglich. Das wird 
es nie geben, weil die Bedürfnisse bei Behinderungen dermaßen 
verschieden sind. Ein kleinwüchsiger Mensch kommt an die 
Taste nicht hin, ein großwüchsiger bekommt Kreuzschmerzen bei Betätigung der Taste — ein Beispiel.

Können Sie mir vielleicht ein paar Anregungen zum Thema Farben in Leitsystemen geben?
Bei einer Sehbehinderung muss es nicht, kann aber auch zu einer abgeschwächten Farbwahrnehmung kommen. Meist ist es dann so, 
dass nicht einer der drei Farbrezeptoren ausfällt, sondern alle drei 
geschädigt sind, so dass die Farbwahrnehmung in allen Farbtönen reduziert ist. Die Intensität, also die Sättigung der angebotenen Farben sollte deshalb hoch sein, vor allem auch der Kontrast.

Gibt es Ihrer Ansicht nach einen Kontrast, 
der eine Schrift besonders gut für Menschen mit 
Sehbeeinträchtigung lesbar macht?
Hauptsache hoher Kontrast! Eine Studie zur Fluchtwegbeschilderung
 hat ergeben, dass der Kontrast zwischen Grün und Weiß am höchsten scheint und natürlich auch bei Schwarz und Weiß. Und dann kommt es natürlich nicht nur auf den Kontrast an, sondern auch auf die Schriftart und die Hintergrundfläche. Auch was beschriftet wird und wie groß die Textfläche im Vergleich zu der des Hintergrundes ist. Beim Kontrast stellt sich auch die Frage, ob 
die positive oder die negative Darstellung gewählt wird. Sehbehinderte Menschen sind teilweise sehr lichtempfindlich. Diese 
mögen es oft nicht, wenn in großflächig hellen Flächen dunkle Schriftzeichen stehen. Sie mögen es lieber umgekehrt; also helle
 Schriftzeichen auf großflächig dunklem Hintergrund. Dadurch wird die störende Blendung etwas reduziert. Das heißt aber nicht, dass das für alle Menschen zutrifft. Bei Bodenleitlinien und der untersten beziehungsweise obersten Trep
penkante wird in der Ö-Norm ein einzuhaltender 30-prozentiger 
Kontrast zum Untergrund angegeben. Das wird aber oft nicht umgesetzt, weil es den Bauleitern einfach viel zu teuer ist oder sie argumentieren damit, dass z. B. Bodenleitlinien sowieso mit der Zeit verdrecken und dann der Kontrast zu einem hellen Untergrund gegeben ist. Sehbehinderte Menschen nutzen diese nicht immer gut visuell, jedoch taktil wahrnehmbaren Bodenleitlinien viel seltener zur Orientierung als blinde Personen. Sehbehinderte 
Menschen wehren sich teilweise, multisensoriell zu denken und zu handeln. Wenn das Sehvermögen nicht ausreicht, könnten sie andere Sinne mit einbeziehen und vielleicht ein paar Hilfsmittel 
und besondere Strategien nutzen. Wie den weißen Stock beispielsweise, mit dem die Bodenleitlinien voraus ertastet werden können. Ein Stock würde ihnen so oft helfen. Doch diese Personen denken, dass sie dann als blind gelten. Natürlich! Weil wir in Schubladen denken und die Leute aus allen Wolken fallen, wenn ein sehbehinderter Mensch mit einem Stock unterwegs ist, 
diesen zusammenklappt und eine Zeitung liest. Zur Normalität wird der Stock erst, wenn Menschen mit einer Sehbeeinträchtigung diesen als nützliche Hilfe erst einmal akzeptiert haben; dann stehen sie auch über dem, was andere Menschen sagen und denken.

Was sagen Sie zu dem Zwei-Drei-Sinne-Prinzip?
Damit arbeiten wir sehr häufig in Österreich. Ein Beispiel: zur Orientierung werden teilweise Handläufe für sehbehinderte und 
blinde Personen mit Richtungshinweisen beschildert. Ein Beispiel: 
der Westbahnhof. Diese Adaptierungen am Handlauf sind ein absolutes Prestige-Objekt, 
was niemand unbedingt braucht. Aber diese Handläufe bedienen 
das Zwei-Sinne-Prinzip; die Buchstaben und Richtungspfeile sind visuell gut lesbar, aber durch die erhabene Darstellung der Schrift auch gut tastbar dargestellt.

Welche Buchstaben sind besser ertastbar für 
sehbehinderte Menschen? Groß-oder Kleinbuchstaben?
Großbuchstaben sind besser zu ertasten. Dabei ist es wichtig, dass die Schriftzeichen breit voneinander getrennt stehen. Noch 
lesbarer wird eine Schrift aber, wenn sie aus Groß- und Kleinbuchstaben besteht. Hier kann das Wortbild insgesamt besser und schneller erkannt werden. Stimmt es, dass die wenigsten Menschen mit einer 
erworbenen Seheinschränkung Brailleschrift lesen können? Natürlich. Wo sollen sie es denn lernen, wenn sie später erblinden? Wofür brauchen sie es denn? Für nichts! Man braucht die Brailleschrift nicht!

Wieso sagen Sie, dass erblindete Menschen 
keine Brailleschrift benötigen?
Wer die Brailleschrift nutzt, sieht natürlich die Vorteile, aber es ist nicht lebensnotwenig. Um Himmels willen, man braucht sie nicht. In Skandinavien geht man z. B. komplett von der Braille-
Zeile weg. Die Skandinavier_innen lesen alles mittels Sprachausgabe. In Deutschland und Österreich sind Menschen es eher gewohnt, taktil zu lesen und zu hören. Wer es nicht gewohnt ist, wächst mit der Sprachausgabe auf und weiß nicht, was Brailleschrift ist. Sie müssen bedenken, dass es in unserem Bereich im Umgang mit 
der Sehbehinderung/Blindheit zu einer Verschiebung der Schwer
punkte kommt. Der Lebensalltag besteht nicht aus dem, was 
wir Sehenden erleben. Es ist eine Reduktion, auch wenn das niemand richtig zugeben will. Was ich oft zu meinen Klient_innen sage, ist: „Wir leben in einer sehenden Welt, komm zurecht oder bleib 
daheim.“ Man kann die Welt nicht ändern.

Aber angenommen, Sie könnten die Welt ändern, 
was würden Sie verändern?
Das Verständnis würde ich gern vorantreiben. Dass nicht nur 
an die sehende Welt gedacht wird. Natürlich, das Verständnis wünschen 
sich alle. Ich wünsche mir Menschlichkeit, dass die Menschen hilfsbereiter sind, aber auch, dass sehbehinderte und blinde Men
schen Hilfe annehmen oder auch um Hilfe bitten können, wenn sie welche brauchen. Denn selbst das können die Wenigsten.
Das Interview wurde im Rahmen der Bachelorarbeit Barrierefreiheit in Leitsystemen für sehbeeinträchtigte und blinde Menschen von Anne Hofmann, B. A. (FH) geführt.