Die aktuelle Flüchtlingswelle und die immer schneller entstehenden Notunterkünfte verlangen nach alltagspraktischen Lösungen für ein besseres Miteinander. Das einfach verständliche “First Aid Kit” für Erstaufnahmezentren liefert die wichtigsten Infos mittels Icons und geht auf ethnische Besonderheiten ein.

Der faire Zugang zu Information & Raum ist ein wichtiger Schritt zur Integration von Migrant_innen. Sie sind oft verunsichert, wenn sie in ein neues Land, eine neue Unterkunft kommen. Informationen fehlen, sind widersprüchlich oder nicht erkennbar. Diese sind jedoch erster Schritt, um eine selbstständige Teilnahme am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen. Piktogramme kommunizieren sprachunabhängig, können Unterschiede von Bildungsniveau und sozial geprägter Wahrnehmung überbrücken. Auf diesem Verständnis basiert das iconbasierte “First Aid Kit” für Flüchtlingsnotunterkünfte.

Piktogramm Arzt

Um sich gegen die Zettelflut abzuheben, wird das Infosystem durchgängig Schwarz auf neongrünem Papier gedruckt. Die Zeichenkombination aus Kreuz und Halbmond kombiniert die kulturell unterschiedlichen Hinweise auf Erste Hilfe.

Piktogramm Dusche ist keine Toilette

Oft ergeben sich Missverständnisse aus baulichen Unterschieden, wie der z.B. im arabischen Raum üblichen Hock-Toilette, als welche Duschen in Österreich manchmal verstanden werden. Oder Klomuscheln, in denen statt in Mistkübeln Müll entsorgt wird.

Wie kann Vielfalt und Respekt in einem Zeichen vereint werden? Das Piktogramm für das Frauen-WC lässt verschiedene kulturelle Lesarten zu: ob Kopftuch oder Frisur – eine sinnvolle Lösung für alle!

Welcome Plakat
Abreisszettel Adresse

Welcome! You are here. Das sind Botschaften, die den Migrant_innen nach langer Flucht Sicherheit vermitteln.

Das Projekt ist eine Initiative des buero bauer und befindet sich ständig in Weiterentwicklung. Die Daten des “First Aid Kit” werden nach Creative Commons-Prinzipien an Initiativen und Engagierte frei weitergegeben. Informationen darüber auf der Homepage des buero bauer!

Das buero bauer hat über 3 Jahre intensiv ein integrales Orientierungssystem erarbeitet und so ein Best Practice Beispiel für Inclusive Orientation Design geschaffen. Auch nach Abschluss des Großprojekts ist die Auseinandersetzung noch nicht abgeschlossen: Führungen durch den Campus geben Interessierten Einblick in die Herausforderungen nutzungsorientierter Planung und Gestaltung nach dem 2-Sinne-Prinzip.

Die erste Führung durch Campus WU mit Fokus auf das Leit- und Orientierungssystem fand anlässlich der Architekturtage in Wien, am 16. Mai 2014, statt. Die Architekturtage ermöglichen österreichweit Einblick in spannende Bauprojekte und architekturrelevanten Themen. In Wien widmet sich der ‚Fokus Großprojekt: Campus WU‘ dem großflächigen Bildungsneubau im Prater.

Architektur am Campus

Über Inclusive Orientation Design
Inclusive Design bietet Gestaltungslösungen an, die die Minderheiten ebenso wie die Mehrheiten gleichzeitig und gleichwertig adressieren. Blinde werden ebenso wie Seh-, Hör-, Mobilitäts- oder sprachlich Eingeschränkte Menschen adäquat angesprochen. Gerade auf einem Universitätscampus, wo der uneingeschränkte Zugang zu Wissen im Mittelpunkt steht, wurde dieser Designgrundsatz konsequent angewendet. Ziel des Neubaus war unter anderem, die Zahl der eingeschränkten Studierenden mit speziellen Bedürfnissen weiter zu erhöhen.

Dieser Anspruch wurde mit einer intelligenten Kombination aus analog, digital, taktil und akustisch erfahrbaren Medien für alle Sinne eingelöst.

Signifikante Architektur und Farben
Der neue Campus WU im Wiener Prater bietet mit rund 100.000qm Nutzfläche und den Gebäuden von sechs international renommierten Architekturbüros viel Raum für Lehre und Studium. Die übergreifende Klammer ist ein barrierefreies Orientierungssystem, das mit mit eindeutigem Farb- und Nomenklatursystem durch Freiraum und Parkgarage bis in die einzelnen Hörsäle, Seminar- und Projekträume, Departments und Bibliotheken leitet.

Lageplan vom Campus

Eine Norm, die Alternativen braucht
Wer ein Orientierungssystem ganzheitlich und in größerem Zusammenhang denkt, stößt gleich zu Anfang auf die Vorgaben der Normen. Das Piktogramm für Rollstuhlfahrer_innen in der aktuellen ÖNORM wird dem Inclusive Design-Gedanken nicht gerecht, es zeigt die Person ganz entgegen einer respektvollen Gleichbehandlung inaktiv und stigmatisiert. Die Person wird anonym, statisch und hilflos dargestellt, ganz das Gegenteil eines respektvollen Umgangs auf Augenhöhe. Daher wurde für den Campus WU das Zeichen im Gedanken des Inclusive Design überarbeitet, d. h. inhaltlich und formal verbessert. Das Ergebnis ist ein aktiver Rollstuhlfahrer, der entspannt, selbstbewusst und selbstständig agiert.

Erwin Bauer erklärt das Piktogramm

Zwei-Sinne-Prinzip
Alle medialen Anwendungen am Campus WU folgen dem Zwei-Sinne-Prinzip: zumindest zwei Sinne werden alternativ zum fehlenden Sinn, der die Informationsaufnahme einschränkt, angesprochen. Für blinde und seheingeschränkte Menschen wurde dabei ein lückenloses System mit taktiler Braille- und Pyramidenschrift sowie Leitlinien geschaffen.

Test der Audioausgabe

Alle Informationen auf den Digital Door Displays können nicht nur visuell, sondern auch akustisch abgerufen werden. Es reicht eine einfache Touchgeste, um sich den aktuellen Screen vorlesen zu lassen. Auch die Infoterminals entsprechen der Barrierefreiheit: sie sind mit einem Rollstuhl unterfahrbar, ausgestattet mit einem Audiomodus und darüber hinaus erhöht ein Kontrastmodus die Lesbarkeit durch die Reduzierung der Farben auf Schwarz und Gelb.

Leitlinien mit Blindem Besucher
Gruppendiskussion am Campus

Einladung zur Diskussion
Auch nach Abschluss des Großprojektes besteht großes Interesse an der Entwicklung des komplexen Leit- und Orientierungssystems. Das zeigt auch das spannende Medienecho, wie z. B. in der Wiener Stadtzeitung Falter, in Architektur & Bauforum, auf dem Barrierefreiheitsblog der DER ZEIT oder im selbstinitiierten Test der Online Plattform BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben.

Für das buero bauer ist es wichtig, mit Interessierten in Diskussion zu treten und persönlich Fragen zum Thema zu besprechen. Für Hintergrunddetails über die Entwicklung oder eine individuelle Führung über den Campus steht das Team gerne zur Verfügung.

Die Publikation „Orientation & Identity“ präsentiert zeitgenössische Porträts internationaler Auftraggeber_innen und Gestalter_innen sowie ihre Arbeit an Orientierungssystemen und räumlichen Interventionen. Über zahlreiche Interviews bietet das Standardwerk zur Signaletik detaillierte Einblicke in die noch junge Gestaltungsdisziplin. Ergänzt wird das Buch durch ein umfassendes Glossar zum Themenfeld.

Projektseite im Buch

Gute Signaletik nimmt Rücksicht auf unterschiedliche Bedürfnisse
In einem Krankenhaus befinden sich viele Menschen in einem Ausnahmezustand. Beispielsweise ein Verletzter, der den Weg zur Notfallambulanz sucht, hat weder Zeit noch Nerven, sich ausführlich zu informieren. Er muss den Weg blind finden — von diesem „Worst Case“ muss in der Gestaltung also ausgegangen werden. Der Schlüssel liegt im Inclusive Design, das ein breites Spektrum an Lösungen bietet, um allen, nicht nur Menschen mit Behinderungen, zu helfen und Orientierung zu ermöglichen. Diese beginnt bei kontrastreicher, großer Schrift und reicht über intuitiv erfassbare Piktogramme und die verständliche Wortwahl bis zur Mehrsprachigkeit, die auch ein politisches Statement der Offenheit und Toleranz etabliert. Verschiede kulturelle Prägungen der Nutzer_innen und das individuelle Auffassen von Information sind immer wieder Herausforderungen für die Gestaltung, die die beste Orientierung für alle bieten will.

Wie unterschiedlich die Herausforderungen im Neuland der Signaletik sind, zeigen die Projekte und Haltungen der vorgestellten Gestalter_innen. Was sie gemeinsam haben, ist der Anspruch, über die Grenzen der Disziplinen hinaus zu gestalten. Die Signaletik verbindet sie miteinander und wirkt als identitätsstiftende Kraft, die neue und überraschende Perspektiven öffnet.

Herausgeber
Erwin K. Bauer und Dieter Mayer

Erschienen 2008
Springer-Verlag, Wien
480 Seiten, 550 Abbildungen farbig.
ISBN 978-3-211-79189-9