Ursula Spannberger ist Architektin, Mediatorin und Entwicklerin der nutzungsorientierten RAUMWERT-Analyse. Ihr Büro in Salzburg beschäftigt sich mit partizipativer Qualitätssteigerung von Architektur. Dabei werden in Gruppenarbeit die betreffenden geplanten oder gebauten Räume untersucht und auf das persönliche Befinden und die Bedürfnisse der Nutzer_innen kooperativ optimiert.

Wie lässt sich Ihr Arbeitsfeld an der Schnittstelle Architektur und NutzerInnen beschreiben? Welches Anliegen und welche Motivation steckt hinter Ihrer Arbeit als „Raumwert-Analytikerin“?
Mein Anliegen ist Empowerment, raus aus der Opferhaltung – rein in die Eigenverantwortung! Aus der Erkenntnis, dass Raum auf uns alle wirkt und nach meiner Überzeugung, dass jede/r das für sich spüren kann, kam der Wille, diese Wirkung für Menschen aktiv nutzbar zu machen und ihnen mit einer neu entwickelten Methode ein Werkzeug und eine Sprache dafür zur Verfügung zu stellen. Im Sinn von ‚form follows function’ — Form folgt der sozialen Funktion!

RAUM.WERTanalytiker_innen sind alle, jede/r einzelne, nicht nur ich!

Ursula Spannberger

Weil der RAUM.WERT nicht objektiv bestimmt werden kann, er ist immer subjektiv. Deshalb kann darüber auch nicht gestritten werden, so wie über beispielsweise Schönheit. Aber man kann sich gemeinsam über Bedürfnisse abstimmen. Quasi als Nebenprodukt ergeben sich Veränderungen und Entwicklungen in den Beziehungen untereinander, die z. B. für Unternehmen in Change Management Prozessen genutzt werden können. Mit Großgruppenmethoden aus der holistischen Organisationsentwicklung ist diese Abstimmung auch für eine sehr große Anzahl von Menschen individuell und gemeinsam möglich. Menschen, die sich mit ihren Anliegen und Bedürfnissen gehört und wahrgenommen fühlen, sind viel eher bereit, auch Kompromisse zu machen oder (finanzielle) Grenzen zu akzeptieren. Meine Motivation für diese Arbeit ist die Freude, die Menschen haben, wenn sie — endlich — gefragt werden und soziale Nachhaltigkeit das gemeinsame Ergebnis ist.

Was sind typische, exemplarische Aufgaben bzw. Projekte, mit denen Sie sich konfrontiert sehen?
Ich arbeite auf allen Gebieten, die mit Raum und seiner Veränderung zu tun haben, von der kleinsten Wohnung über Gebäude für Unternehmen oder Bildungsbauten bis hin zu städtischen Außenräumen. Exemplarisch möchte ich das ICT&S Center der Universität Salzburg, den Schulcampus Neustift im Stubaital mit der Zusammenlegung von drei Volksschulen, einer Neuen Mittelschule, einer Schihauptschule und einem Internat an einem neuen Standort sowie das Konferenzzentrum von Infineon in Villach nennen.

Architekturbeispiel Infineon Villach

Sie arbeiten mit Tools unterschiedlichster Methodiken und haben zusätzlich 9 Parameter zur Raumwertanalyse festgelegt. Wie lassen sich diese beschreiben?
Sie sind ein Hilfsmittel dafür, sich in Alltagssituationen hineinzuversetzen, den eigenen Bedürfnissen an den Raum nachzuspüren, diese dann zu formulieren und mit den anderen Nutzer_innen der Räume zu verhandeln. Die einzelnen RAUM.WERTE sind nicht streng voneinander abgegrenzt, sie spiegeln sich in anderen wider und können so von verschiedenen Seiten beleuchtet, auf verschiedene Tätigkeiten hin abgeklopft werden. Beispielsweise hat der Raumwert 2 (RW), „Orientierung und Übersichtlichkeit“ auch Aspekte in RW5 „Weglängen und Wegqualitäten“, eventuell aber auch in RW9 „Selbstbild/Fremdbild“ anhand der Fragestellung „Wie komme ich zu dem Gebäude des Unternehmens, in dem ich arbeite? Wie wirkt es nach außen? Heißt es mich und andere willkommen? Wie bewege ich mich darin?“

Diskussionsgruppe

Am Ende einer Analyse steht ein räumlicher Qualitätskatalog — wie wird dieser entwickelt und wie findet er konkret Umsetzung?
Der räumliche Qualitätenkatalog wird von uns aus den Ergebnissen des ersten und zweiten Großgruppenworkshops (und allem, was in diese hineinspielt, z. B. Erkenntnisse aus Exkursionen, etc.) „destilliert“ und danach noch einmal mit der Steuerungsgruppe abgestimmt. Er besteht aus einem textlichen Teil, der über räumliche Qualitäten und Zusammenhänge informiert und einem klassischen Raumprogramm in Form einer Tabelle mit m2-Erfordernissen (meist von — bis …). Der Katalog ist dann Grundlage und Briefing für die eigentliche Planung, sei es als Direktauftrag oder mittels Wettbewerb. Er dient für die Nutzer_innen auch immer wieder als Rückversicherung und Referenz auf das, was sie brauchen und sich gewünscht haben. Damit können sie den ihnen präsentierten architektonischen Entwurf immer wieder gegenchecken.

Wie lässt sich Ihre gedankliche Klammer, die Inklusion, als selbstverständliche Haltung eines Miteinanders in eine breitere Öffentlichkeit bringen?
Durch Workshops, Nachdenken, Gespräche, selbst Erleben, z. B. in Form der Sensibilisierungsworkshops, die meine Kollegin Monika Schmerold, die selbst einen Rollstuhl braucht, anbietet.

Sie sind gebürtige Dänin — und dem europäischen Norden wird ja generell eine fortschrittlichere Haltung sowohl im Umgang mit Inklusion als auch in der Gesetzeslage attestiert. Gibt es konkret Dinge, die Sie dort als vorbildhaft bezeichnen würden?
Oh ja! Beispielsweise im Schulbau, da haben wir viele anregende und erfreuliche Beispiele! Ich freue mich schon sehr auf die anstehende Exkursion Ende August nach Kopenhagen und den geplanten Austausch mit unseren Kolleg_innen von loop.bz, mit denen wir dort Schulen besichtigen werden.

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